20.11.2010

Die Totmacher vom Westerberg

Korrektur 20.11.2016
Auf dem Westerberg zwischen Ingelheim, Gau-Algesheim, Appenheim und Groß-Winternheim fand am 20.11. eine Drückjagd auf Schwarzwild (Wildschweine) statt. Die Drückjagd ist eine Bewegungsjagd, bei welcher meist ‚zig Treiber mit ihren Hunden das Wild aufscheuchen und den Jägern vor die Büchsen „drückt". Ziel war es, möglichst viele Wildschweine zu töten.

Durch den Einsatz der Treiber und von Hunden flüchtet das Wild häufig in Panik. Gezielte und tödliche Schüsse sind bei dieser Art Veranstaltung die Ausnahme. Nicht nur weil die Tiere hochflüchtig sind, sondern auch weil viele Jäger keine regelmäßige Schießpraxis haben und das Schießvermögen auch oft keiner Prüfung unterzogen wird. Untersuchungen sprechen davon, dass nur etwa 35 % der Tiere bei Bewegungsjagden mit dem ersten Schuss tödlich getroffen werden. Die meisten Tiere werden dagegen zunächst nur angeschossen und rennen mit zerschossenen Gliedmaßen oder zerfetztem Unterleib um ihr Leben. Eine unverzügliche Nachsuche, wie sie das Gesetz fordert, ist aufgrund des Organisationsablaufs einer Bewegungsjagd oft nicht möglich und führt dazu, dass Tiere entweder nach Stunden oder Tagen leidvoll verenden oder ihr weiteres Leben als Krüppel fristen.

Auch ist es dem Gesetz nach verboten, Wild jeder Art zu beunruhigen. Und das gilt auch für Jäger. Aber genau das passiert hier. Nicht nur Schwarzwild - alle Tiere des Waldes, ob Rehe mit ihren Kitzen (auch im Dezember noch!) oder Füchse werden unter erheblichen Stress gesetzt und geraten in Panik. (An-)geschossen wird oft alles, was nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Nicht selten werden Jungtieren ihre Eltern weggeschossen.

Jagdopfer Wildschwein



























Kritiker dieser Art zu jagen, darunter zunehmend aus den Reihen der Jäger, vertreten die Meinung, dass diese Jagdform weder „waidgerecht" noch tierschutzrechtlich tragbar ist. Im ersten Heft des Jahres 2010 bezeichnet die auflagenstarke Jägerzeitschrift "Wild und Hund" revierübergreifende Bewegungsjagden als "Totmacher" und spricht in diesem Zusammenhang von "Jagd-Event" und "Schande".

Die gleiche Zeitschrift zitierte bereits 2002 den bekanntesten deutschen Wildschweinkenner und Jäger Norbert Happ: „Die Nachwuchsschwemme ist hausgemacht". Für die explosionsartige Vermehrung der Wildschweine seien die Jäger selbst verantwortlich: „Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand mit unkoordiniertem Frischen und Rauschen und unkontrollierbarer Kindervermehrung sind ausschließlich der Jagdausübung anzulasten", so Happ.

Wissenschaftler verweisen seit Jahren darauf . Anhand einer im renommierten "Journal of Animal Ecology" veröffentlichten Langzeitstudie (2009, S.1278-1290), die auf zahlreiche weitere universitäre Arbeiten und Untersuchungen Bezug nimmt, ist wissenschaftlich erwiesen, dass der hohe Jagddruck hauptverantwortlich für die hohe Wildschweinpopulation ist. Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, insbesondere auf erfahrene Bachen, um so stärker vermehren sie sich.

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