27.04.2011

30 Jahre nach Tschernobyl - Wildschweine und Waldpilze strahlen

Aktualisiert: 25.04.2016
30 Jahre nach der Kernschmelze von Tschernobyl sind etwa 1.800 km westlich Waldböden, Pilze und Wildtiere immer noch mit Cäsium belastet. Besonders betroffen ist der süddeutsche Raum, wo jedes zweite Wildschwein zu hohe Strahlenwerte aufweist. Die Strahlenbelastung unterliegt dabei einer starken jahreszeitlichen Schwankung. Während Wildschweine im Sommer den zulässigen Grenzwert von 600 Bequerel oft weit unterschreiten, kann die Belastung in den Wintermonaten durchaus das Doppelte dieses Wertes erreichen. Grund ist das unterschiedliche Nahrungsspektrum. Besonders stark belastet sind Pilze, und die gehören im Herbst zur Lieblingsspeise des Schwarzwildes.

Ordnungsgemäß in den Handel gelangtes Wildbret ist frei von Radioaktivität. Es ist zwingend vorgeschrieben, dass Wildfleisch vor der Vermarktung auf seine Strahlenbelastung untersucht wird. Die Jäger erhalten für jedes belastete Reh oder Wildschwein Ausgleichszahlungen. Die lagen zwischen 1996 und 2015 bei insgesamt 4,92 Millionen Euro! Allein in 2015 haben bayerische Jäger "Entschädigungen" in Höhe von 918.000 Euro erhalten. Kosten, die aus der Staatskasse vergütet werden.

Prof. Thomas Jung, Leiter der Abteilung Strahlenwirkung und Strahlenrisiko des Bundesamtes für Strahlenschutz, sprach dieser Tage in einem Interview mit dem Deutschlandfunk davon, dass sich die Situation im besonders betroffenen Bayern in den kommenden Jahren wenig verändern werde. "In den Waldgebieten bei den Wildtieren müssen wir noch Jahrzehnte damit rechnen, dass wir eine erhöhte Kontamination haben."

Wir von Wildtierschutz Deutschland fragen uns, warum es angesichts der hohen Strahlenbelastung insbesondere in Süddeutschland überhaupt eine so intensive Jagd auf Schwarzwild geben muss, wenn etwa die Hälfte der Tiere aufgrund der Verstrahlung entsorgt wird. Auch Entschädigungsgelder könnten sicherlich sinnvoller eingesetzt werden.


Wurden im Durchschnitt der jeweils letzten 10 Jahre 1991/92 pro Jahr in Bayern noch weniger als 10.000 Wildschweine zur Strecke gebracht, waren es 2001/02 bereits 25.000 und zuletzt (2014/15) über 50.000 Tiere im Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Allein im letzten Jagdjahr wurden über 70.000 Wildschweine in Bayern getötet.

Die Klagen aus der Landwirtschaft und aus den Gemeinden und Städten über Schwarzwildschäden häufen sich – gleichwohl scheint angesichts der Zahlen die Jagd keine Lösung des Problems zu sein. Es gibt vielmehr Stimmen - auch aus dem Kreis der Jäger - die sagen, dass die Jagd nicht unwesentlich zur teilweise unkontrollierten Vermehrung der Schwarzkittel beiträgt. Unterstützt wird diese These von einer im renommierten "Journal of Animal Ecology" veröffentlichten Langzeitstudie (2009, S.1278-1290), die auf zahlreiche weitere universitäre Arbeiten und Untersuchungen Bezug nimmt. Demnach ist der hohe Jagddruck haupt verantwortlich für die steigende Wildschweinpopulation. Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, insbesondere auf erfahrene Bachen, umso stärker vermehren sie sich.

Lesen Sie hier über die Ursachen der steigenden Wildschweinbestände 
Mehr Jagd - mehr Wildschweine
30 Jahre Tschernobyl – Schadensbilanz für die Bundesrepublik Deutschland

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