09.05.2011

Empfängnisverhütung bei Wildschweinen

Die »Schwarzwildstrecke« - zu deutsch: die Zahl der von Jägern erschossenen Wildschweine - hat sich im Zehn-Jahresdurchschnitt in Deutschland seit dem Jagdjahr 1991/92 bis heute mehr als verdoppelt. Sie ist seitdem von durchschnittlich 211.888 in 1991/92 auf 466.963 in 2009/2010 kontinuierlich gestiegen. 
Obwohl seit etlichen Jahren die Intensität der Wildschweinbejagung  gemessen an den »Strecken« zunimmt, nehmen die Bestände  keineswegs ab, sie werden vielmehr kontinuierlich größer. Damit wachsen auch die Klagen über Schäden aus der Landwirtschaft und zunehmend aus den Peripherien der Städte. Die Aufregung der Bauern ist mitunter so groß, dass sogar nach der Bundeswehr gerufen wird.
Einer weiteren Intensivierung der Jagd auf Wildschweine sind allerdings Grenzen gesetzt, sowohl im räumlichen Sinne (Problem der Jagd in städtischen Regionen), als auch aus ethischen Gründen sowie aus Gründen des Tierschutzes: Die Aufhebung von Schonzeiten, das Abschießen von Leitbachen, eine verstärkte Jagd auf Frischlinge und eine zunehmende Anzahl von Drückjagden stoßen nicht nur in der Bevölkerung auf Akzeptanzprobleme, auch im Kreis der Jägerschaft gibt es Widerstände.
Impfstoffe haben die EU-Zulassung - keine hormonelle Belastung   Eine Lösung, welche Landwirtschaft, Gemeinden und Städte zufrieden stellen könnte, liegt in der Empfängnisverhütung. Von der Jägerschaft wird diese Maßnahme allerdings skeptisch beurteilt.
Als Hauptargument gegen eine Empfängnisverhütung wird angeführt, dass mit Sexualhormonen versetztes Wildfleisch nicht mehr zum Verzehr geeignet ist. Eine zweite Befürchtung zielt auf das Szenario, dass die Pille für das Wildschwein flächendeckend ausgebracht wird, und danach die Fortpflanzung vollständig und vor allem unkontrolliert zusammenbricht.
Beide Argumente lassen sich jedoch sehr schnell widerlegen: Neuere Präparate zur Fortpflanzungskontrolle basieren nicht mehr auf Hormonen, sondern auf Antikörpern (körpereigene Eiweißmoleküle). Markterprobte Impfstoffe z.B. gegen das Hypophysenhormon GnRH haben die EU-Zulassung für die Verwendung bei Tieren, die für die Nahrungsmittelproduktion vorgesehen sind und sind deshalb auch vollkommen unbedenklich im Hinblick auf die Verwertung des Wildbrets von geimpften Wildschweinen. Gelegentlich geäußerte Bedenken hinsichtlich hormoneller Belastungen können vollkommen aus dem Weg geräumt werden, da diese Medikamente keine hormonelle Wirkung ausüben.
Wirksamkeit durch »Retard-Mechanismen« etwa 12 Monate   Die Impfstoffe arbeiten mit Antikörpern bzw. induzieren die Antikörperbildung gegen das Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH). Dieses Hormon reguliert die Bildung der Gonadotropine, die ihrerseits die Bildung von Testosteron beim männlichen und Östrogenen beim weiblichen Tier induzieren. Die Unterdrückung der Hormonproduktion im Hoden bzw. Eierstock inaktiviert die Spermien bzw. Eizellbildung. Die Dauer der Wirksamkeit wird derzeit auf ca. 12 Monate geschätzt, erfordert jedoch eine Auffrischung der Impfung nach 4 bis 6 Wochen. Diese Boosterimpfung könnte jedoch durch den Einsatz besonderer Verpackungen (»Retard«-Mechanismen) überflüssig werden und damit auch für Wildtiere anwendbar werden.
Punktueller Einsatz in »Problemzonen« Das Argument einer flächendeckenden Verabreichung kann ebenfalls widerlegt werden, da eine Impfung im herkömmlichen Sinne nur über den direkten Kontakt zum Tier erfolgen kann. Ein weit gestreuter Köder ist hier vollkommen ungeeignet und würde die Aufnahme der Wildschweinpille durch andere Tiere nicht verhindern können. Deshalb können Maßnahmen zur Fortpfanzungskontrolle nur punktuell (z.B. im Umfeld von Siedlungsgebieten, in Gebieten mit nachweislich hoher Wildschweindichte) durchgeführt werden.
Sichere Verabreichungsmethode  Während das Medikament bereits seit langem marktreif ist, bedarf eine sichere Verabreichung an Wildschweine (an anderen nicht frei lebenden Tierarten wurde es bereits erfolgreich erprobt) noch einer wissenschaftlichen Begleitforschung. Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin, welches die Forschung hierzu voranbringt, und Wildtierschutz Deutschland bemühen sich derzeit um einen Sponsor bzw. um die Finanzierung dieses auf etwa drei Jahre angesetzten Projektes.
Neben einer sicheren Verabreichungsmethode, die gewährleisten soll, dass Impfköder an bestimmten Orten kontinuierlich angeboten werden und ausschließlich von Wildschweinen aufgenommen werden, sind u.a. auch mögliche Auswirkungen hinsichtlich des Revierverhaltens geimpfter Tiere, deren Akzeptanz innerhalb ihrer Familienverbände und das Sozialverhalten der entsprechenden Rotten zu erforschen. Ein Monitoring kann hier beispielsweise über GPS-Halsbänder unterstützt werden.
Als mögliche Vorteile einer Empfängnisverhütung beim Wildschwein sind zu nennen:
·         Zuverlässige und tierschutzgerechte Bestandsregulierung
·         Vermeidung einer übermäßigen Beunruhigung des Wildes durch intensive Bejagung (z.B. revierübergreifende Bewegungsjagden, Aufhebung von Schonzeiten, u.a.)
·         Hohe Standorttreue der Wildschweine, weniger Abwanderung in Stadtgebiete
·         Kein »Vakuumeffekt« (keine leeren Reviere, die durch neue Rotten besetzt werden), weniger Wanderung, weniger Wildunfälle
·         Kontrollierte und konstante Bestände
·         Effektive Möglichkeit der immunologischen Behandlung von Tieren (z.B. Schweinepest)
·         Einsatz auch in befriedeten Gebieten (Städten) möglich.
Die langjährigen und intensivsten Bemühungen die Wildschweinbestände durch jagdliche Möglichkeiten zu regulieren, gehen nicht auf – trotz des Einsatzes von Frischlingsfallen, trotz der Aufhebung von Schonzeiten, trotz der Zunahme von Drückjagden. Stattdessen – oder vielleicht auch deshalb? -  scheint der Wildschweinbestand in Deutschland zu explodieren.

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