02.09.2014

Hirnforschung an Krähen in Tübingen

Von Marie-Luise Strewe
Neben Affen und vielen anderen Tierarten wie Ratten, Katzen und Tauben sind neuerdings auch die "Primaten der Lüfte", die hochintelligenten Krähen, ins Visier der Neurobiologen geraten. Das Institut für Neurobiologie der Universität Tübingen unter der Leitung von Prof. Andreas Nieder, ist der erste Lehrstuhl, der neurophysiologisch mit Krähen arbeitet.

Die dortigen Hirnversuche an Krähen laufen ganz ähnlich ab wie die am Affenhirn. Die Vögel werden in der ersten Phase darauf trainiert, komplexe Aufgaben am Bildschirm zu lösen. In der zweiten Phase wird ihnen unter Narkose durch ein Loch im Schädel, über das eine Kammer montiert wird, feine Dauerelektroden ins Gehirn eingepflanzt. Während der Versuche werden die Krähen mittels Futterbelohnung zur Mitarbeit motiviert. Ziel der Untersuchungen ist es, die physiologischen Prozesse im Gehirn, den "Mechanismus der visuellen Speicherung im Arbeitsgedächtnis", zu verstehen.  Am Ende der Versuche werden die Krähen getötet und ihr Gehirn untersucht oder sie werden in weiteren Versuchen eingesetzt.



Ethische Aspekte Die lange Zeit gültige Lehrmeinung, Tiere könnten nicht denken, wurde dank ethologischer und kognitionsbiologischer Erkenntnisse in den vergangenen Jahren gründlich widerlegt. So wichtig das zunehmende Wissen über die kognitiven Fähigkeiten der Tiere in Bezug auf eine Einstellungsänderung in Gesellschaft und Politik ist, so fragwürdig sind allerdings häufig die angewandten Forschungsmethoden. Insbesondere die invasive Hirnforschung, wie sie an der Universität Tübingen, aber auch an anderen Universitäten betrieben wird, widerspricht jeglichen Prinzipien eines ethischen Umgangs mit Tieren.

Es geht auch anders Neben der am wenigsten belastenden Feldforschung an freilebenden Tieren sind in der Hirnforschung längst auch nicht-invasive Verfahren wie die sogenannte Positronenemissionstomographie (PET) oder die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) etabliert. Letztere sind ethisch gesehen zwar auch nicht unproblematisch, weil sie die Tiere zumindest vorübergehend belasten. Sie erlauben aber einen "Blick in Gehirn", ohne die unfreiwilligen "Probanden" dauerhaft zu schädigen und am Ende zu töten. Der amerikanische Ornithologe und weltweit anerkannte Rabenforscher Prof. John M. Marzluff etwa benutzt die bildgebenden Verfahren, um Aktivität in Krähenhirnen sichtbar zu machen. Dazu fangen er und sein Team freilebende Krähen ein, die für die Dauer der Versuche im Labor festgehalten und anschließend wieder freigelassen werden.

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