06.12.2015

Fuchsbandwurm: Jagd ist Teil des Problems

Dag Frommhold
Regelmäßig wird in den Medien über den Fuchsbandwurm berichtet – bisweilen in einem Ton, der an Hysterie grenzt. Grund dafür dürfte nicht zuletzt die Pressearbeit der Jagdverbände sein, die die Angst vor dem Parasiten gezielt schüren, um die Jagd auf Meister Reineke zu rechtfertigen. Tatsächlich kann man sich vor dem Fuchsbandwurm jedoch mit einfachen Mitteln schützen. Und Forschungsergebnisse zeigen, dass die Fuchsjagd das Risiko für den Menschen keinesfalls verringert, sondern es sogar ansteigen lässt.

Vor allem im Süden Deutschlands trägt ein beträchtlicher Teil der Füchse den Fuchsbandwurm als Darmparasiten in sich. Die Bandwurmeier, die sie mit dem Kot ausscheiden, können beim Menschen die sogenannte alveoläre Echinokokkose verursachen, eine ernste Krankheit, die lebenslanger Behandlung bedarf. Was zunächst gefährlich und unberechenbar klingt, ist in Wirklichkeit jedoch eine extrem seltene Erkrankung, vor der man sich mit einfachen Mitteln zuverlässig schützen kann.

Bild: Luise Dittombée
Dennoch schüren einschlägige Medienberichte die Angst vor dem Fuchsbandwurm, nicht zuletzt als Resultat eifriger Pressearbeit der Jagdverbände. Diese nutzen die latente Furcht der Bürger von einer Infektion mit der Echinokokkose wiederum, um für die Fuchsjagd zu werben – nur durch die intensive Jagd auf den Fuchs, so argumentieren sie, könne man den Fuchsbandwurm eindämmen.

Kein Grund zur Panikmache
Dabei ist frappierend, wie schlecht selbst in vermeintlichen Fachkreisen zum Thema Fuchsbandwurm recherchiert wird. So schrieb die „Ärzte Zeitung“ jüngst, im Jahr 2015 seien bis zum August bereits 96 Erkrankungen am Fuchsbandwurm (sog. alveoläre Echinokokkose) gemeldet worden. Tatsächlich hatte man dabei aber Infektionen mit dem gut doppelt so häufigen Hundebandwurm (zystische Echinokokkose) fälschlicherweise dem Fuchsbandwurm zugeschlagen. Wie die Meldedaten des Robert-Koch-Instituts in Berlin zeigen, lag die Zahl der Fuchsbandwurminfektionen dagegen auf ähnlichem Niveau wie in den Vorjahren, in denen bundesweit jeweils etwas mehr als 30 Menschen erkrankten – weit weniger übrigens, als beispielsweise durch Jagdwaffen oder Blitzschläge zu Schaden kommen.

Jagdverbände wie Jagdmedien witterten offensichtlich dennoch ihre Chance, Angst vor Füchsen zu schüren und dadurch Rückendeckung für die Fuchsjagd zu gewinnen. Gierig griffen sie die Meldung der Ärzte Zeitung auf und verbreiteten sie mit Schlagzeilen wie „Füchse sind gefährlich!“ (jagderleben.de) eifrig weiter, nicht ohne es zu versäumen, auf die vermeintliche Notwendigkeit der Bejagung von Füchsen hinzuweisen.

Luxemburg: Kein Zusammenhang zwischen Jagdverbot und Fuchsverbot
Ganz ähnliches hatte sich bereits einen Monat zuvor in Luxemburg abgespielt, wo Füchse derzeit aufgrund eines zunächst einjährigen Jagdverbots vor Nachstellungen geschützt sind. Seit Jahren liegen die Befallsraten luxemburgischer Füchse mit dem Fuchsbandwurm bei etwa 20-30 %; ein Niveau, das etwas unterhalb jener der angrenzenden deutschen Bundesländer liegt. Als die Untersuchung von 32 tot aufgefundenen Füchsen im Oktober jedoch ergab, dass 13 von ihnen Bandwürmer im Darm trugen – eine Quote von etwa 40 % - , war der luxemburgische Jagdverband schnell dabei, den Grund für den Anstieg in der aktuellen Schonzeit für Füchse zu suchen. Die Meldung gab den gebetsmühlenhaft wiederholten Forderungen des luxemburgischen Jagdverbands nach einer umgehenden Aufhebung des  Jagdverbots neuen Auftrieb.

Dass eine derart geringe Stichprobengröße bei einem so niedrigen Unterschiedsniveau (zehn Prozentpunkte entsprechen etwa drei Tieren) überhaupt keine Aussage erlaubt und die Differenz mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit reiner Zufall ist, blieb dabei aber unerwähnt. „Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass die Befallsraten in Luxemburg sich anders entwickeln als in den benachbarten deutschen Bundesländern“, erläutert daher Felix Wildschutz, Direktor des luxemburgischen Veterinäramts, gegenüber fuechse.info. „Es besteht auch keine Annahme, dass ein Zusammenhang zwischen dem Jagdverbot und den Befallsraten der Füchse existiert.“



Fuchsjagd lässt das Infektionsrisiko für Menschen ansteigen
Tatsächlich gibt es keinen einzigen Beleg für die Hypothese, der Fuchsbandwurm könne durch intensivere Fuchsjagd zurückgedrängt werden. Wie spätestens die dramatischen Misserfolge bei der Tollwutbekämpfung in den 1960er und 70er Jahren eindrucksvoll gezeigt haben, lassen Fuchsbestände sich großflächig nicht durch die Jagd reduzieren. Damals verfolgte man Füchse mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – bis hin zur Vergasung ganzer Fuchsfamilien im Bau. Dennoch gab es  nach zwanzig Jahren rigorosester Fuchsjagd mehr Füchse als je zuvor, und die Tollwut griff ungehindert weiter um sich. Fuchspopulationen reagieren auf intensive Bejagung nämlich mit steigenden Geburtenraten, wodurch auch hohe Verluste schnell wieder ausgeglichen werden.
Bereits bei der Tollwutbekämpfung erwies die Fuchsjagd sich jedoch nicht nur als wirkungslos, sondern sogar als kontraproduktiv. Zwar beeinflusst sie den Gesamtbestand nicht nachhaltig, führt durch die steigenden Geburtenraten aber zu einem höheren Anteil an Jungfüchsen an der Gesamtpopulation. Da diese Jungfüchse sich jedoch im Herbst ein eigenes Revier suchen und dabei oft viele Kilometer zurücklegen, sind sie es, die die Tollwut oft erst in neue Gebiete einschleppen. So ist es zu erklären, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Tollwut sogar zunahm, bevor man die Seuche durch den flächendeckenden Abwurf von Impfködern aus Flugzeugen schließlich besiegte.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine derartige kontraproduktive Wirkung der Jagd auch für den Fuchsbandwurm gilt. So finden sich im Darmtrakt junger Füchse deutlich mehr ausgewachsene Exemplare des Fuchsbandwurms, als es bei älteren Tieren der Fall ist1,2,8. Im Laufe ihres Lebens entwickeln Füchse offensichtlich Abwehrmechanismen gegen den Parasiten. Dies lässt den Schluss zu, dass in bejagten Fuchsrevieren unter dem Strich mehr Eier des Fuchsbandwurms in die Umwelt abgegeben werden, weil dort der Anteil für den Bandwurm empfänglicher Jungfüchse höher ist. Das Infektionsrisiko für Menschen steigt durch die Jagd also demnach an.

Einfache, aber wirkungsvolle Schutzmaßnahmen
Ganz davon abgesehen, dass eine Erkrankung an der alveolären Echinokokkose schon rein statistisch extrem unwahrscheinlich ist, kann man sich mit einfachen Maßnahmen davor schützen. Die weitaus wichtigste davon ist, Hunde und Katzen regelmäßig – am besten alle sechs Wochen - zu entwurmen und im Umgang mit ihnen Hygiene zu wahren. Durch den Verzehr von Mäusen, die mit dem Bandwurm infiziert sind, können sie ähnlich wie der Fuchs zu Ausscheidern von Fuchsbandwurmeiern werden. Experten gehen davon aus, dass der weitaus größte Teil der Infektionen mit alveolärer Echinokokkose auf das Konto unzureichend entwurmter Heimtiere geht.

Bodennah wachsende Waldbeeren sind – anders, als es oft dargestellt wird – als Infektionsquelle dagegen unbedeutend. Einerseits ist es extrem unwahrscheinlich, dass eine Beere jemals mit Fuchskot in Kontakt kommt und dann auch noch ungewaschen verzehrt wird, andererseits scheint nur eine Dauerexposition – also der regelmäßige Kontakt mit Bandwurmeiern – auch zu einer Infektion zu führen. Immer mehr Epidemiologen zweifeln daher grundsätzlich an, dass der Infektionsweg über kontaminierte Pilze oder Waldfrüchte überhaupt eine Rolle spielt. Wer sich dennoch unwohl fühlt, kann eventuelle Bandwurmeier durch das Erhitzen der Nahrung auf mindestens 60 Grad sicher abtöten.

Zu guter Letzt ist es in Gebieten mit hoher Verbreitung des Fuchsbandwurms ratsam, sich nach der Gartenarbeit die Hände zu waschen. Dadurch kann man verhindern, dass man eventuell an den Händen haften gebliebene Fuchsbandwurmeier aufnimmt.

Kein Zusammenhang zwischen Befallsraten der Füchse und Infektionen beim Menschen
Interessanterweise scheint es jedoch nur wenig Zusammenhang zwischen der Befallsraten der Füchse mit dem Fuchsbandwurm und der Anzahl auftretender Echinokokkose-Erkrankungen beim Menschen zu geben. Die Forscher um den ungarischen Epidemiologen Sréter stellten beispielsweise fest, dass trotz deutlich ansteigender Befallsraten der Füchse in den 1990er Jahren auch langfristig keine Zunahme an Echinokokkosefällen zu verzeichnen war9. Sie erklären diesen Umstand mit dem gewachsenen Hygienebewusstsein der Menschen, insbesondere im Umgang mit Haustieren.

Die regelrechte Hysterie, die der Fuchsbandwurm vielerorts auszulösen scheint, ist also ganz offensichtlich ungerechtfertigt. Zudem gibt es heutzutage Entwurmungsköder, mit deren Hilfe das Auftreten des Fuchsbandwurms in Fuchspopulationen auf nahezu null reduziert werden kann3. Von 2003 bis 2007 wurden beispielsweise im Landkreis Starnberg Entwurmungsköder verteilt. Waren 2003 noch 51% der Füchse mit dem Fuchsbandwurm infiziert, so sank diese Zahl im Jahr 2005 auf 42%, 2006 auf 12%, und im März 2007 betrug die Befallsrate sogar nur noch 0,8%6,7. Auch hier gilt allerdings, dass die Fuchsjagd einen negativen Einfluss auf die Wirksamkeit der Beköderung hat. Da Jagddruck die Wanderbewegungen in Fuchspopulationen ansteigen lässt, erhöht sie das Risiko, dass nicht entwurmte Tiere von außen in das beköderte Areal eindringen und dabei den Bandwurm wieder einschleppen4. Dennoch gilt, dass – von den erwähnten einfachen Vorsichtsmaßnahmen abgesehen – die Entwurmung von Füchsen das einzig wirksame Mittel gegen den Fuchsbandwurm darstellt.

Jagd: Teil des Problems
Wer dagegen – ob aus Unwissen oder verantwortungslosem Kalkül – die Jagd als probates Mittel gegen den Fuchsbandwurm propagiert, muss sich vorwerfen lassen, nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems zu sein. Immerhin deutet einiges darauf hin, dass die Jagd auf Meister Reineke die Verbreitung des Bandwurms sowie das Infektionsrisiko für den Menschen sogar ansteigen lässt. Den Fuchsbandwurm zu instrumentalisieren, um die Fuchsjagd zu rechtfertigen, ist daher schlichtweg zynisch und gefährdet im schlimmsten Fall sogar Menschenleben.

Literatur

1) P. Deplazes, D. Hegglin, S. Gloor, T. Romig (2004): Wilderness in the city: the urbanization of Echinococcus multilocularis". TRENDS in Parasitology Vol.20 No.2
2) D. Ewald, J. Eckert (1993): Verbreitung und Häufigkeit von Echinokokkus multilocularis bei Rotfüchsen in der Nord-, Süd-, und Ostschweiz sowie im Fürstenturm Liechtenstein. Zeitschrift für Jagdwissenschaften, 39, 171-180
3) D. Hegglin, P. Deplazes (2008): Control strategy for Echinococcus multilocularis. Emerg Infect Dis 14, 1626-1628
4) D. Hegglin, P.I. Ward, P. Deplazes (2003): Anthelmintic Baiting of Foxes against Urban Contamination with Echinococcus multilocularis, Emerging Infection Diseases, 9(10)
5) S. Hofer, S. Gloor, U. Müller, A. Mathis, D. Hegglin, P. Deplazes (2000), High prevalence of Echinococcus multilocularis in urban red foxes (Vulpes vulpes) and voles (Arvicola terrestris) in the city of Zürich, Switzerland. Parasitology, 120, 135-142
6) A. König, T. Romig, C. Janko, R. Hildenbrand, E.A. Holzhofer, Y. Kotulski (2008): Integrated-baiting concept against E. multilocularis in foxes is successful in Southern Bavaria, Germany. European Journal of Wildlife Research 54, 439-447
7) A. König, T. Romig (2007), Bericht an die Gemeinden des Landkreises Starnberg sowie die Gemeinden Neuried und Planegg über das Projekt Kleiner Fuchsbandwurm im Bereich der Gemeinden im Landkreis Starnberg sowie den Gemeinden Neuried und Planegg im Landkreis München
8) K. Tackmann, U. Loschner, H. Mix, C. Staubach, H.H. Thulke, F.J. Conraths (1998): Spatial distribution patterns of Echinococcus multilocularis (Leuckart 1863) (Cestoda: Cyclophyllidea: Taeniidae) among red foxes in an endemic focus in Brandenburg, Germany. Epidemiol Infect 120, 101-109
9) T. Sréter, Z. Széll, Z. Sréter-Lancz, I. Varga (2004): Echinococcus multilocularis in Northern Hungary. Emerging Infectious Diseases

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