Kritik an der WDR-Sendung "Jagd: Tödliches Hobby oder Umweltschutz"

12 Mar 2020

Offener Brief an Tom Buhrow, Indendant | WDR Köln | 50600 Köln

 

Sehr geehrter Herr Buhrow,

 

hat bei dem o.g. Beitrag der im WDR-Rundfunkratvertretene Landesjagdverband Regie geführt (Link zur Sendung)? Auch wenn aus Alibi-Gründen eine Tierschützerin befragt wurde, war diese Sendung hinsichtlich der unterschiedlichen Sichtweisen der Jagd doch keineswegs ausgeglichen – ich würde das eher als propagandistisch bezeichnen.

 

Wald vor Wild wird propagiert von Jägern des Ökologischen Jagdverbands, von Waldbesitzern, von Bündnis90/Die Grünen, der CSU in Bayern und der Forsthochschule Weihenstephan. In anderen Bundesländern gilt der Ansatz eigentlich als überholt. Bild: Timo Litters

 

Ich möchte nur einige Kritikpunkte herausstellen:

  • Sie leiten den Beitrag mit der Aussage „Warum wir Freizeitjäger brauchen“ ein – das ist äußerst suggestiv. Viele Menschen, auch Forscher, Gelehrte und Wissenschaftler, sind der Meinung, dass Hobbyjäger eben nicht erforderlich sind.

  • Sie vermitteln den Eindruck, die Jagd hätte einen reduzierenden Einfluss auf die Wildtierbestände – das ist, auch wenn von Frau Hudler von der Forsthochschule Weihenstephan (Zitat von Dozenten der Hochschule: „Beim Reh brauchst du nicht hinschauen, was es ist. Hauptsache du machst den Finger krumm“) so bestätigt, nur bedingt, nämlich bei den in Bestand rückläufigen Arten wie Rebhuhn, Fasan oder Feldhase, richtig:

  • So sind z.B. die Bestände von Wildschweinen in Deutschland und im übrigen Europa durch die Jagd überhaupt nicht zu regulieren. Nachzulesen ist das z.B. in einem umfassenden Bericht der European Food Safety Authority EFSA aus 2014. Die kommt nach der Auswertung sämtlicher in Europa vorliegender Literatur zur Schwarzwildjagd zu diesem Schluss. Im Übrigen verdeutlicht das auch ein Blick auf die kontinuierlich steigenden Schwarzwildstrecken der letzten 30 Jahre. Lösungen hinsichtlich der Reduzierung von Wildschweinbeständen in Problemzonen könnte es mittels entsprechender Kontrazeptiva geben. Für Ihre Freunde beim Landesjagdverband ist das aber wohl keine Option.

  • Das Rehwild wird durch die relativ hohen jährlichen Strecken immer kurz unter seiner Kapazitätsgrenze gehalten. Eine nachhaltige Reduzierung erfolgt dadurch nicht, weil durch erhöhte Reproduktion die Verluste unverzüglich wieder ausgeglichen werden. Dass sich Weihenstephan und der Ökologische Jagdverband für eine intensive Jagd aussprechen, liegt auf der Hand – beide Organisationen sind Verfechter der Wald-vor-Wild-Strategie, die aber seit Jahrzehnten nicht aufgeht und zu erheblicher Tierquälerei führt. Ein Lösungsansatz für einen weitgehend verbissfreien Wald wäre es, a) große jagdfreie Areale von etwa 25-35 Prozent der Waldflächen und ungestörte Äsungsflächen zu schaffen, b) die Ansitzjagd auf wenige Monate im Jahr zu begrenzen und c) gänzlich auf Drückjagden zu verzichten. Wir hätten dann am Ende einen um ein Drittel höheren Rehwild-Bestand, der aber aufgrund von weniger Jagddruck und Rückzugsgebieten weniger junge Bäume verbeißen würde.

 Selbst Rückzugsorte und Äsungsflächen der Wildtiere werden bei der Jagd nicht verschont.

Bild: Timo Litters

  • Füchse, Marder oder Dachse bedürfen überhaupt keines jagdlichen Eingriffs, weil hier die Selbstregulierungsmechanismen greifen: Obwohl der Fuchs seit 2015 in Luxemburg nicht mehr bejagt wird, sind die Bestände dort bis heute nicht explodiert und es gibt keine Probleme hinsichtlich von Wildtierkrankheiten oder Zoonosen.

  • Die Jagd auf Waschbären ist völlig sinnentfremdet. Diese Tierart wird sich vermehren, bis sie ihre Kapazitätsgrenze erreicht hat – mit oder ohne Jagd. Nach Aussagen von Forschern ist die Jagd nicht einmal in der Lage, ihre Bestandsentwicklung zu verlangsamen. Das Einzige was im Rahmen dieser maßlosen Tierquälerei passiert, ist, dass die Sozialstrukturen der Tiere zerstört werden, Reproduktionselend geschaffen wird, den Jungtieren die Eltern weggeschossen werden und insgesamt das Durchschnittsalter reduziert wird.

  • Dann vermitteln Sie über diverse Interviews mit Schweinehaltern oder Metzgern - und auch Frau Hudler bestätigt das -, dass durch die intensive Jagd von Wildschweinen die Einschleppung oder gar die Entstehung der Afrikanischen Schweinepest vermieden werden könnte. Das ist falsch, nachzulesen bei Prof. Dr. Dr. Herzog

  • Auch dient die Hervorhebung der Jagd als Nahrungsmittelproduzent in Ihrem Beitrag ausschließlich der Propaganda für Ihr Beiratsmitglied: Von den bundesweit etwa sechs bis sieben Millionen Tieren, die im Rahmen der Jagd getötet werden, kommen maximal zwei Millionen auf den Teller – also etwa 30 Prozent. Der Rest wird verscharrt, zur Tierkörperbeseitigung gekarrt oder als Luder missbraucht.

  • Abschließend vielleicht noch eine Anmerkung zu dem Statement „ein freies Leben bis zum Schluss“. Dieses freie Leben ist gekennzeichnet von dem höchsten Jagddruck in Europa, von ständiger Flucht, von Änderung der natürlichen Verhaltensweisen, von zwanghafter Reproduktion. Und am Ende ist es so, dass viele Ihrer Freunde mit dem „grünen Abitur“ nicht einmal in der Lage sind, einen Blattschuss zu setzen. Insbesondere im Rahmen von Drückjagden werden Untersuchungen zufolge und Aussagen der TVT Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz bis zu 30 Prozent Wildschweine (bei Rehen bis zu 60 Prozent) in den Bauch, in den Rücken, in die Läufe geschossen, ihnen wird der Unterkiefer weggeblasen, sie verrecken nicht selten im Gebüsch.

 

Mit freundlichen Grüßen, Lovis Kauertz

 

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