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Reizwort Wildmanagement

3 Nov 2018

Ein Samstag im November, die Herbstsonne färbt noch die letzten Lärchennadeln und verbliebene Buchenblätter in leuchtendes Gold. Im Tal blinkt der Stahl. Eine Hundertschaft Schützen mit ihren hochmodernen Gewehren rückt aus - wie in einen Krieg ohne Gegner. Der Schlachtplan ist vorgegeben. Die Nordflanke wird vom Staatsforst besetzt, für den schmalen Streifen am Übergang zur Südflanke ist der Pirschbezirksinhaber zuständig, diese wird in Richtung Wintergatter unter Leitung der Fürstlich-Waldburg-Zeilschen Wildmanager abgeriegelt. Teilweise sind auf hundert Meter Front drei Schützen abgestellt. Im Gegensatz zum richtigen Krieg gibt es aber keine Attacke, sondern sie bleiben hocken. Den „grünen Rock“ haben Sie ausgetauscht und in Anlehnung an die gute Sichtbarkeit der Straßenarbeiterkolonnen diese Farben übernommen, rotleuchtend, damit der Nachbar nicht für ein Waldtier gehalten und abgeknallt wird.

 

Den „grünen Rock“ haben Sie ausgetauscht in Anlehnung an die gute Sichtbarkeit der Straßenarbeiterkolonnen. Bild: Eilert Voß


Gespanntes Warten auf das flüchtende Wild. Rotwild, Rehe, Gemsen alles ist zum Abschuss frei gegeben. Lärmende Treiber, Hundegebell, Schüsse – Schüsse – Schüsse, ein unheimliches Echo erfüllt bis in den Nachmittag das Tal. Ein Muttertier kommt verdächtig langsam, als es erlegt ist, wird festgestellt, dass es schon einen Pansenschuss hat. Ein Äserschuss, ein Schädelschuss bei einem kleinen Teil der Strecke. Über 90 Wildtiere wurden geschossen auf Anhänger von Allradfahrzeugen geworfen, achtlos, kalt und abgebrüht. 46 Stück Rotwild, 38 Rehe, der Rest Gemsen waren das Ergebnis des Gemetzels. Bei einer derartigen Dichte von Büchsenläufen ist ein Schussnachweis gar nicht möglich und niemand kann sagen wie viele Stücke angeschossen verderben, wie viele Kälber als Waisen in den Winter gehen und wie unermesslich schlimm solch ein ruchloses Treiben den Bergwaldfrieden der ganzen Tierwelt durcheinander bringt.

 

Rehböcke haben Schonzeit, sind aber flüchtig schlecht erkennbar, weil sie teilweise ihr Gehörn schon abgeworfen haben. Wie viele Schonzeitabschüsse waren bei 38 Stück Rehwild wohl dabei?

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die sogenannten „eingestellten Jagden“, so der Begriff für die großen höfischen Wildgemetzel, immer mehr mit der edleren Pirsch ersetzt – und nun gibt es sie wieder, auferstanden unter anderen Vorzeichen. Präzisionsgewehre, ausgefeilte Optik, Allradfahrzeuge bis in den letzten Winkel, Schießer ohne Jagderfahrung, respektlos und kalt – Freude an der Panik des Wildes – Schießübung auf lebendes Wild.

Spätnachmittag am Sonntag darauf, drei grüne Jeeps und ein Personenwagen. Der Wildmanager hat ein Hirschkalb hinten auf seinem Träger. Regnerisches Wetter, es war wohl den ganzen Sonntag Nachsuche, die Hunde haben in dem Fährtendurcheinander nur das Kalb hochgemacht. Wie viele verenden elend? Es wird Wochen dauern, bis die Überlebenden sich wieder zurechtfinden, die Kälberwaisen abmagern, zum Teil eingehen.

 

 Opfer einer Drückjagd. Bild: S.u. B. Pelli


Man wünscht sich, dass das alles nicht wahr sein kann, aber es ist leider so. Ich habe über 40 Jahre als Nachbar des Zeilschen Reviers gejagt, nicht zimperlich, doch stets mit Achtung vor der Natur. Der Wald ist gediehen, die Almen waren gepflegt von fleißigen, bodenständigen Älplern, es herrscht – natürlich mit einigen Schatten – Bergfrieden.

Dabei war dieser abscheuliche Tag nur das Finale des Wildmanagements.

Die ganze Tragweite der Abkehr von Schöpfung und Glauben spiegelt sich in der organisierten Vernichtung des Bergwildes wieder:
Rehfütterung in den Bergen verboten – freie Rotwildfütterungen untersagt – keine Wildfütterung auf 4800 ha – nur der Wintergatter des fürstlichen Reviers, überfüllt mit bis 300 Stück Rotwild, sie stehen im eigenen Kot und warten bis am nächsten Tag mit dem Traktor aus dem Fahrsilo die Raufen gefüllt werden mit geweihtreibenden Futtermischungen. Bis zu fünf Monate Stallfütterung ohne Rücksicht auf wildbiologische, natürliche Erfordernisse. Staatsforst, Fürst und so manche Jagdgenossenschaft scheren sich einen Dreck um Rechtsnormen.

Im Jagdrecht wird als zwingendes Recht gefordert: Fütterungspflicht in der Notzeit – Unterhalt der notwendigen Fütterungsanlagen im Revier – artenreicher Wildbestand in freier Natur – keine missbräuchliche Fütterung – Fütterungspflicht für alle Tierarten – die allgemeinen anerkannten Grundsätze deutscher Weidgerechtigkeit sind zu beachten.

Wildmanagement bewegt sich außerhalb der Gesetze, außerhalb jeglicher menschlichen Regung, außerhalb Ethik und Kultur. Wildmanagement ist Naturfrevel und Verachtung der Lebewesen. 
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Der Autor betreibt die Webseite Wildwacht  

 

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