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Der Wal von Poel: Warum uns ein Einzelschicksal bewegt und andere Wildtiere oft unsichtbar bleibt

  • Susanne Schüßler
  • vor 3 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Seit Tagen und Wochen richtet sich der Blick von Millionen Menschen auf die Ostsee, auf die Insel Poel, auf ein einzelnes Tier, dessen Schicksal kaum jemanden unberührt lässt. Der Wal, der dort ausharrte, kämpft sichtbar, greifbar und für viele nachvollziehbar um sein Leben. Bilder und Livestreams holen dieses Geschehen rund um seinen aktuellen Transport in unsere Wohnzimmer, lassen den Alltag leiser werden und schaffen eine Nähe, die kaum auszuhalten ist. Was hier geschieht, ist mehr als die Geschichte eines einzelnen Tieres. Es ist ein Moment, in dem sich unsere Beziehung zur Natur offenbart.


Der Igel gehört zu den Tieren, die im Verborgenen leben und den nur wenige Menschen beachten. Bild: AdobeStock
Der Igel gehört zu den Tieren, die im Verborgenen leben und den nur wenige Menschen beachten. Bild: AdobeStock

Denn jenseits aller Theorien bleibt ein Gefühl, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Es ist die tiefe Verbundenheit mit allem Lebendigen, die in uns steckt. Wir sind Teil eines großen Ganzen, und dies spüren wir, mit dem Sichtbaren ebenso wie mit dem, was sich unserem Blick entzieht. Gerade die Verbindung zu Tieren ist für manche Menschen besonders intensiv. Sie ist Geschenk und Belastung zugleich. Sie schenkt Nähe, Mitgefühl und Sinn, kann aber auch dazu führen, dass vor allem menschengemachtes Leid für manche kaum auszuhalten ist. Das zeigt sich bei Reisen in Länder mit vielen Streunern, weil das Herz sich nicht verschließen kann. Das zeigt sich bei den Helfern, die direkt vor Ort am Wal arbeiten. Hilfe bleibt für viele dann oft auf Distanz beschränkt, in Form von Spenden oder Unterstützung aus der Ferne, weil die unmittelbare Konfrontation für einige zu schmerzhaft wäre. Eine ebenso wichtige Unterstützung wie die der Menschen, die vor Ort sind.


Während ein einzelner Wal weltweit Aufmerksamkeit erhält, sterben unzählige Wildtiere unbeachtet. Sie kämpfen ebenso, sie leiden ebenso, sie sterben ebenso, und doch erreicht ihr Schicksal kaum jemanden. Nicht, weil ihr Leben weniger wert wäre, sondern weil es nicht gesehen wird.


Sichtbarkeit entscheidet über Mitgefühl.

Der Wal wird zum Symbol für eine Wirklichkeit, die sich sonst unserem Blick entzieht. Diese Wirklichkeit zeigt sich überall. Sie zeigt sich dort, wo Lebensräume verschwinden, wo Tiere verdrängt werden, wo Eingriffe in die Natur zur Normalität geworden sind. Die größte Mehlschwalbenkolonie Deutschlands, die am AKW Biblis existierte, wurde durch den Rückbau von RWE zerstört. 800 Tiere verloren ihren Lebensraum, ihre Nester, ihre Brutstätten. Es gab keine weltweite Anteilnahme, und doch war auch dies ein Ereignis von enormer Tragweite. Es macht deutlich, dass das, was wir auf Poel sehen, täglich an vielen anderen Orten geschieht, nur unsichtbarer, nur in einem anderen Kontext.


Wildtiere leben oft im Verborgenen, ohne Stimme und ohne Lobby. Ihr Dasein bleibt unbeachtet, obwohl sie eine unverzichtbare Rolle in unseren Ökosystemen spielen. Wir nehmen sie häufig erst dann wahr, wenn sie in Konflikt mit uns geraten oder wenn ihr Leid so offensichtlich wird, dass wir nicht mehr wegsehen können.


Denn sie sind keine Randerscheinung unserer Welt, sondern ein Teil von ihr, mit eigenen Bedürfnissen, eigener Würde und dem gleichen grundlegenden Wunsch zu leben.


Tierethik und Mitgefühl: Wer entscheidet über das Leben von Wildtieren?

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, die das Geschehen nüchterner betrachten, die den Ausgang vorwegnehmen wollen, die vor falschen Hoffnungen warnen. Und ja, sie haben ihre Berechtigung. Doch sie stehen einer anderen Kraft gegenüber, die sich nicht messen lässt: der Anteilnahme. Denn Mitgefühl ist kein passiver Zustand. Es ist eine Energie, die verbindet, die Menschen in Bewegung setzt, die Handlungen auslöst. Ob man es Gebet nennt, Hoffnung oder schlicht menschliche Nähe, spielt dabei kaum eine Rolle. Entscheidend ist, dass es geschieht.


Gerade in Momenten wie diesem wird sichtbar, wie sehr wir Menschen über das Leben anderer Lebewesen entscheiden. Wir bestimmen, wann eingegriffen wird und wann nicht, wir bewerten, wann ein Leben als schützenswert gilt und wann es als beendet angesehen wird. Tiere besitzen keine Patientenverfügung, sie haben keine Stimme, die uns eindeutig mitteilt, was sie wollen. Und dennoch handeln wir, als könnten wir diese Entscheidungen stellvertretend für sie treffen.


Auch der Wal hat genau diese Grenze berührt. Wochenlang lag er in der Ostsee, scheinbar dem Schicksal überlassen, zum Sterben in Ruhe gelassen. Entscheidungen wurden getroffen, Einschätzungen gefällt, Expertenstimmen wurden laut, andere Experten waren nicht erwünscht, während gleichzeitig Zweifel wuchsen, ob wirklich alles versucht wurde. Der Eindruck von Überforderung lag in der Luft, von Zuständigkeiten, die sich überlagerten, von einem System, das in einem Moment größter Dringlichkeit ins Stocken geriet. Und es ist noch nicht zu Ende.


Rettung oder Gnadenschuss? Der Umgang mit Wildtieren und Haustieren

Diese Realität zeigt sich auch im Alltag, fernab der medialen Aufmerksamkeit. Auf unseren Straßen werden Wildtiere angefahren, oft noch lebend, ob schwer verletzt oder auch nicht. Doch es ist kein Rettungswagen, der zu ihnen eilt, keine medizinische Versorgung, die versucht, ihr Leben zu retten. Stattdessen kommen Polizei und Jäger, um das Tier durch einen Fangschuss zu töten.


Das Paradoxe daran ist, dass die möglichst rasche Tötung eines adulten, schwerverletzten Wildtiers etwa nach einer Kollision mit einem Auto die tiergerechteste Option ist. Leider passiert es immer noch zu häufig, dass angefahrene Tiere unter Adrenalin wegspringen und der Autofahrer irrtümlicherweise glaubt, dem Tier sei nichts Ernsthaftes zugestoßen, diese Tiere leiden lange und unbemerkt weil niemand gerufen wird, um ihr Leid zu verkürzen.


Was als Erlösung bezeichnet wird, macht gleichzeitig deutlich, wie unterschiedlich wir Leben bewerten. Während wir bei einem Menschen oder auch einem Haustier meist alles daransetzen würden, ihn oder es zu retten, akzeptieren wir bei Wildtieren eine andere Form des Umgangs, die selten hinterfragt wird.


Diese Unterschiede wurzeln tief in unserem Denken. Wir ordnen Leben ein, bewerten es nach Nähe, nach Nutzen, nach dem Gefühl, das es in uns auslöst. Der in der Ostsee vor der Insel Poel gestrandete Wal bewegt uns, weil er sichtbar leidet, weil er uns nahekommt, weil wir uns in ihm wiederfinden. Andere Tiere bleiben abstrakt, obwohl ihr Schicksal nicht weniger real ist. Genau hier beginnt eine Form der Ungleichbehandlung, die sich durch unseren gesamten Umgang nicht nur mit Wildtieren zieht und die uns dazu bringt, Mitgefühl selektiv zu empfinden.


Effektiver Wildtierschutz: Hilfe für Igel, Vögel und Co. abseits der Medien

Wildtierschutz Deutschland setzt genau an diesem Punkt an. Nicht nur dort, wo Aufmerksamkeit bereits vorhanden ist, sondern gerade dort, wo sie fehlt. Bei den Tieren, die im Verborgenen leben, bei denen, die keine Bilder liefern, die keine Öffentlichkeit erreichen. Beim Igel, der im Winter kaum noch Nahrung findet, beim Regenwurm, dessen Lebensraum durch Versiegelung verschwindet, bei Vögeln, deren Nester zerstört werden, noch bevor ihre Jungen flügge sind, bei all den Tierarten, die durch menschliche Nutzung ihre Lebensräume verlieren. All diese Tiere sind Teil derselben Welt, und ihr Schicksal ist untrennbar mit unserem eigenen Handeln verbunden.


Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung dieses Wals genau darin, dass er uns zwingt hinzusehen. Dass er uns fühlen lässt, was wir sonst oft verdrängen. Dass er eine Verbindung schafft zwischen uns und einem einzelnen Lebewesen, die sich ausweiten kann auf viele andere. Wenn dieses Mitgefühl nicht bei diesem einen Tier stehen bleibt, sondern sich zu einer Haltung entwickelt, die alle Wildtiere einschließt, dann entsteht daraus etwas, das über den Moment hinausgeht.


Dann beginnt Wildtierschutz dort, wo wir aufhören zu unterscheiden. Dort, wo wir nicht mehr fragen, welches Leben sichtbar ist, sondern erkennen, dass jedes Leben Bedeutung hat. Vielleicht ist genau das die Veränderung, die es braucht. Ein Bewusstsein für alle. Denn jedes Lebewesen, das existiert, trägt denselben Wunsch in sich, zu leben, sich zu entfalten und nicht zu leiden. Und genau darin liegt unsere Verantwortung.


Warum jedes Tierleben zählt – eine neue Haltung zum Artenschutz

Am Ende bleibt eine einfache, aber unbequeme Frage:

Warum kämpfen wir für manche Tiere – und lassen andere allein?

Vielleicht beginnt echter Wildtierschutz genau dort, wo wir aufhören zu unterscheiden. Wo jedes Leben zählt. Nicht, weil es sichtbar ist, sondern weil es lebt.

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