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  • Lovis Kauertz

Warum Waschbären-Jagd nicht zielführend ist

Hören - „Die vergnügungsorientierte Hobbyjagd, so wie sie hierzulande stattfindet, ist völlig ungeeignet naturschutzfachliche Probleme zu lösen“, erläutert Lovis Kauertz von der Tier- und Naturschutzorganisation Wildtierschutz Deutschland.


Das zeigt nicht zuletzt die Entwicklung des Waschbären in Deutschland: Während es vor zehn Jahren etwa eine halbe Million Waschbären gab, davon 62 Prozent allein in Hessen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, zählen wir heute dreimal so viele dieser bis weit in die 2000er Jahre noch als heimisch geführten Tierart. In Baden-Württemberg hat sich der Bestand in dieser Zeit um den Faktor 20 erhöht, in Mecklenburg-Vorpommern mehr als verzehnfacht. Die Tierart ist inzwischen in allen Bundesländern vertreten.

Waschbären  geringe Gefahr für heimische Arten
Die Hobbyjagd hat sich im Hinblick auf die Lösung von Natur- oder Artenschutzproblemen - nicht nur Waschbären betreffend - in den letzten Jahrzehnten nicht bewährt. Bild: Andreas Nowak

Dabei wird der Waschbär in den meisten Bundesländern ohne jegliche Schonzeit bejagt, zum Teil – wie in Bayern – dürfen sogar die für die Aufzucht von Jungtieren erforderlichen Elterntiere legal getötet werden. Und obwohl die Jägerschaft etliche finanzielle Förderung für die Anschaffung von Fallen erhält, gelingt es dem Heer von fast 400.000 Jagdausübungsberechtigten nicht einmal, die räumliche Verbreitung dieser Wildtiere einzudämmen. Inzwischen räumt sogar der Deutsche Jagdverband ein, dass wir den Waschbären mittels der Jagd nicht mehr loswerden.


Trotz dieses Irrsinns mit einer Jagdstrecke von inzwischen über 200.000 Waschbären fordert die gleiche Lobbyvereinigung sogar den Einsatz von Totschlagfallen für den Waschbären. Das, obwohl lange bekannt ist, dass gerade mit den Pfoten greifende Tiere in diesen absolut tierquälerischen und nicht selektiv fangenden Schlagfallen nicht selten die Gliedmaßen abgeschlagen werden. Anders ist eine Kritik zur geplanten Einschränkung der Fallenjagd in Rheinland-Pfalz im aktuellen Newsletter des Deutschen Jagdverbands vom 15. September d.J. nicht zu verstehen. Zuletzt wurden Totschlagfallen in der Waschbären-Hochburg Hessen abgeschafft, vorher bereits in sechs anderen Bundesländern.


Unter diesen Umständen und im Hinblick auf den Stellenwert des Tierschutzes in Deutschland wäre es konsequent und richtig, Waschbären und übrigens auch andere Beutegreifer wie Fuchs oder Dachs, ganz aus dem Jagdrecht zu streichen. Die freiheitliche Jagd hat sich im Hinblick auf die Lösung von Natur- oder Artenschutzproblemen in den letzten Jahrzehnten nicht bewährt. Nicht einmal in Bezug auf die jagdbaren Arten wie Feldhase oder Rebhuhn.


Dort wo tatsächlich Restpopulationen streng geschützter Arten, wie bestimmte Reptilienarten oder auch diverse Vogelarten durch Waschbären und andere Beutegreifer gefährdet sind, muss zu allererst – so sieht es auch die EU-Verordnung zu den invasiven Arten vor – über non-letale Optionen nachgedacht werden. Dass auf diesem Weg, insbesondere durch Lebensraum verbessernde Maßnahmen Erfolge erzielt werden, ist längst belegt. Auch muss man – wie es aktuell in Berlin im Rahmen einer Studie passiert – zumindest lokal über die Kastration bzw. Sterilisation von Waschbären nachdenken. Bei einer anderen als invasiv gebrandmarkten Tierart, den Nutrias, gibt es diesbezüglich bereits erfolgreiche Projekte.


Waschbären werden nur deshalb zu den invasiven, gebietsfremden Arten von EU-weiter Bedeutung gezählt, weil sich das ehemalige EU-Mitglied Großbritannien gegenüber der EU hinsichtlich der Aufnahme dieser Tierart in die Unionsliste – übrigens gegen die deutsche Stimme – durchgesetzt hat. Es gibt viele Aspekte, die dafürsprechen, dass gerade Waschbären die Kriterien für die Liste nicht erfüllen.


Waschbären werden auch längst nicht – wie es der Deutsche Jagdverband und das mit unwissenschaftlichen Aussagen aufgefallene Verbundprojekt Zowiac glauben machen wollen – flächendeckend zu einem Problem für gefährdete Tierarten. So haben die renommierten Waschbärenforscher Dres. Frank und Berit Michler in ihren langjährigen wissenschaftlichen Studien aus dem Müritz-Nationalpark, wo Waschbären die höchsten Populationsdichten für naturnahe Habitate in Europa erreichen, keine negativen ökologischen Auswirkungen auf andere heimische Tierarten bestätigen können.[1]


Vielleicht noch ein Punkt: Der Deutsche Jagdverband bemüht derzeit gerne den aktuellen Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES, der dringenden Handlungsbedarf sieht, um biologische Invasionen zu managen und die negativen Auswirkungen invasiver gebietsfremder Arten nachhaltig zu reduzieren.[2] Der Waschbär wird in diesem Bericht allerdings mit keinem Wort erwähnt. Interessant ist auch, dass in einer Studie zu den 100 Tierarten, die die höchsten volkswirtschaftlichen Kosten verursachen unter den Top Ten zwar auf Platz 1 die Hauskatze, auf Platz 2 Ratten und auf Platz 3 eine Termitenart stehen, der Waschbär dort aber gar nicht genannt wird.[3]

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[1] MICHLER, B.A. (2020): Koproskopische Untersuchungen zum Nahrungsspektrum des Waschbären Procyon lotor (Linné, 1758) im Müritz-Nationalpark (Mecklenburg-Vorpommern) unter spezieller Berücksichtigung des Artenschutzes und des Endoparasitenbefalls. - Wildtierforschung in Mecklenburg-Vorpommern, Band 5, 168 S.)



[3] Cuthbert, R.N., Diagne, C., Haubrock, P.J. et al. Are the “100 of the world’s worst” invasive species also the costliest? | Biol Invasions 24, 1895–1904 (2022)

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