top of page

Der Wolf als Feindbild – warum rechte Politik an starken freien Tieren scheitert

  • Susanne Bischoff
  • 5. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Der Hass auf den Wolf ist kein Zufall. Er ist kein Naturschutzproblem, kein Sicherheitsproblem und schon gar kein ökologisches Problem. Er ist ein psychologisches und politisches Problem. Und er offenbart schonungslos, wie Teile der Politik – insbesondere CDU/CSU und AfD – arbeiten: nicht lösungsorientiert, sondern emotionalisierend, eskalierend und verantwortungslos.


Gewalt nicht mehr als letztes Mittel diskutiert, sondern als politisches Symbol gefeiert. Bild: Michael Hamann
Gewalt nicht mehr als letztes Mittel diskutiert, sondern als politisches Symbol gefeiert. Bild: Michael Hamann

Der Wolf steht heute nicht wegen realer Gefahren unter Beschuss, sondern weil er etwas verkörpert, das autoritäres Denken kaum erträgt: Autonomie, Unabhängigkeit und Unkontrollierbarkeit. Er überschreitet menschengemachte Grenzen, er ordnet sich nicht unter, er funktioniert nicht nach Besitzlogik. Genau das macht ihn zum perfekten Feindbild.


Was wir erleben, ist keine sachliche Debatte, sondern eine bewusste Radikalisierung. Die Diskussion wird immer weiter ins Extreme getrieben – nicht, um Probleme zu lösen, sondern um dem lautesten Geschrei nachzugeben. Statt in funktionierenden Herdenschutz, Beratung und Prävention zu investieren, wird der Ruf nach dem Gewehr salonfähig gemacht. Inzwischen sogar nach dem Abschuss von Wolfswelpen.


Spätestens hier sollte jedem klar sein: Es geht nicht um Sicherheit. Es geht um Machtdemonstration.

Psychologisch ist das entlarvend. Welpen sind harmlos. Sie stellen keine Gefahr dar. Wer trotzdem ihre Tötung fordert, verlässt den Bereich rationaler Argumente. Hier wird Gewalt nicht mehr als letztes Mittel diskutiert, sondern als politisches Symbol gefeiert. Das ist brandgefährlich.


Der Wolf triggert ein tiefsitzendes Gefühl von Kontrollverlust. Rechte Politik lebt jedoch vom Versprechen totaler Kontrolle: Ordnung, Dominanz, Durchsetzung. Ein streng geschütztes, wissenschaftlich gut erforschtes Tier, das sich dieser Kontrolle entzieht und zudem durch EU-Recht abgesichert ist, passt nicht in dieses Weltbild. Also wird nicht das eigene Narrativ hinterfragt – sondern das Tier bekämpft.


Auffällig ist auch der Widerspruch im Selbstbild: Man inszeniert sich als naturverbunden, stark, stolz. Doch diese „Stärke“ gilt nur, solange sie beherrschbar ist. Ein Hirsch im Fadenkreuz gilt als Tradition. Ein Wolf in Freiheit gilt als Provokation. Stärke wird nur akzeptiert, wenn sie unterlegen bleibt. Alles andere macht Angst.


Populismus braucht einfache Schuldige. Der Wolf eignet sich perfekt: sichtbar, emotional, symbolisch aufgeladen. Komplexe Ursachen – verfehlte Agrarpolitik, mangelhafter Herdenschutz, ökonomischer Druck – werden ausgeblendet. Statt Lösungen gibt es Parolen. Statt Verantwortung gibt es Eskalation.

Besonders perfide ist dabei die Missachtung von Wissenschaft und Recht. Die Faktenlage ist eindeutig, der Schutzstatus klar. Doch Fakten stören, wenn Politik auf Bauchgefühl und Empörung setzt. Also werden Expertise und europäisches Recht diffamiert, relativiert oder offen angegriffen. Das ist kein Versehen – das ist Methode.


Die Wahrheit ist unbequem, aber simpel: Nicht die Natur ist auf die Jagd angewiesen. Die Jagd ist auf politische Rückendeckung angewiesen.


Und genau diese Rückendeckung wird geliefert. Laut, aggressiv und auf Kosten von Anstand, Recht und Vernunft. Der Wolf wird dabei nicht bekämpft, weil er gefährlich ist – sondern weil er frei ist.


Eine Politik, die den Abschuss von Jungtieren diskutiert, hat jedes moralische Maß verloren. Sie schützt nicht die Menschen, sie schützt nicht die Natur. Sie schützt nur ein Weltbild, das mit Freiheit nicht umgehen kann. Der Wolf ist kein Problem. Er ist ein Spiegel. Und was er zeigt, scheint manchen unerträglich zu sein.

bottom of page