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RWE schafft Fakten in Biblis: Vorzeitiger Abbruch des Kühlturms bringt eine der größten Mehlschwalben-Kolonien in Not

  • Autorenbild: Lovis Kauertz
    Lovis Kauertz
  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Es war Mitte Dezember, als die Ehrenamtliche Wildvogelhilfe e.V. uns darauf aufmerksam machte, dass der Energie-Konzern RWE schon im Januar den verbliebenen Kühlturm des Atomkraftwerks Biblis – das AKW ist heute immer noch Lagerstätte atomaren Mülls – zurückbauen, sprich zerstören und abräumen wollte. Am letzten Kühlturm des Blocks B war befanden sich noch etwa 180 Nester der bis vor kurzem riesigen Mehlschwalbenpopulation mit etwa 800 Tieren.


Bei uns schrillten die Alarmglocken. Erst am 11. Dezember 2025 wurde der vorletzte von ursprünglich vier Kühltürmen in Biblis abgebrochen. Mit ihm gingen etwa 160 Mehlschwalbennester verloren. Unsere Hoffnung war, dass die Mehlschwalben dieses Turms bei ihrer Ankunft an den verbliebenen Kühlturm umziehen würden. Das ist nun Geschichte, denn auch dieser Kühlturm wurde samt der dort vorhandenen Lebensstätten von RWE am vergangenen Freitag zerstört. Das Risiko, dass dadurch trotz der durch RWE aufgestellten Schwalbentürme die Mehlschwalben-Population im südhessischen Biblis ausstirbt, ist groß.


Offensichtlich war der Erhalt der Mehlschwalben in Biblis keine Option für RWE.
Offensichtlich war der Erhalt der Mehlschwalben in Biblis keine Option für RWE.

Die Vorgeschichte:

Noch im Dezember hatten wir uns im Hinblick auf den Erhalt der Mehlschwalben-Brutkolonie mit den Umweltorganisationen BUND Bergstraße, MUNA e.V. und der Ehrenamtliche Wildvogelhilfe e.V. zusammengetan. Wir waren uns einig, dass die gemäß den Vorgaben der Behörden umgesetzten vorgezogenen Ausgleichsmaßnahmen („CEF-Maßnahmen“) seit 2023 bis heute völlig wirkungslos waren und das voraussichtlich auch nach Zerstörung der letzten Mehlschwalbennester sein würden. Diesbezüglich konnten wir uns auf die Fachliteratur und die Monitoring-Berichte des von RWE beauftragten Gutachters berufen.


Zu den Ausgleichsmaßnahmen gehörte der Bau von acht Schwalbentürmen – das sind bis zu acht Meter hohe Masten, an denen jeweils etwa 50 Kunstnester angebracht wurden – und ein jährliches Monitoring zu den Maßnahmen.


Im Vordergrund zwei der insgesamt acht Mehlschwalbentürme. Der Höhenunterschied zum Rand des Kühlturms beträgt ca. 72 m, was die Umsiedlung der Mehlschwalben unwahrscheinlich macht. Bild: Carmen Stürmer
Im Vordergrund zwei der insgesamt acht Mehlschwalbentürme. Der Höhenunterschied zum Rand des Kühlturms beträgt ca. 72 m, was die Umsiedlung der Mehlschwalben unwahrscheinlich macht. Bild: Carmen Stürmer

RWE musste aufgrund der in einem Umweltgutachten vorliegenden Informationen davon ausgehen, dass die Wirksamkeit von Schwalbentürmen außerhalb bebauter Ortschaften sehr gering ist. Denn fachliche Referenzen gibt es dazu – im Gegensatz zum innerörtlichen Einsatz – bisher nicht. Die RWE-Monitoring-Berichte 2023, 2024 und 2025 konstatierten allesamt die Unwirksamkeit der Schwalbentürme und damit der vorgezogenen Ausgleichsmaßnahmen.


Um dennoch nicht gegen das Artenschutzrecht zu verstoßen, hätte eine fachliche referenzierte Prognose der Wirksamkeit nach Zerstörung der Nester an den Kühltürmen vorliegen müssen und / oder es hätte ab der Vernichtung der ersten Schwalbennester durch RWE ein naturschutzfachliches Risikomanagement stattfinden müssen.


Beides ist nicht passiert und – leider auch von der zuständigen Naturschutzbehörde nicht moniert worden. Anstelle einer fachlich referenzierten Prognose gab es lediglich eine hypothetische, fachlich nicht belegte Meinungsäußerung seitens RWE, dass die Schwalben die Ersatznester schon annehmen würden, sobald die letzten Nester am Kühlturm zerstört seien.


Ein Risikomanagement hätte spätestens nach dem Abbruch des vorletzten Kühlturms im Dezember 2025 beauftragt werden müssen. Denn es war offensichtlich, dass die vorhandenen Schwalbentürme nicht die ökologische Funktion der zerstörten Fortpflanzungs- oder Ruhestätten erfüllten und weiterhin erfüllen würden. 


Überraschende Nachtschicht: Der vorzeitige Abbruch des letzten Kühlturms

Schon im Dezember hatte die Presse die Bedenken der Umweltschützer zum Verlust einer der bedeutendsten Mehlschwalben-Kolonien durch den Abbruch der Kühltürme aufgegriffen. Auf unseren offenen Brief vom 12. Januar an Steffen Kanitz, den Geschäftsführer der RWE Nuclear, haben wir bis heute keine Antwort erhalten. RWE war niemals ernsthaft daran interessiert in den Erhalt der besonders geschützten und im Bestand gefährdeten Mehlschwalben mehr als nötig zu investieren. Auch Pressesprecher Jan-Peter Cirkel quittierte die Fragen nach gemeinsamen Lösungen für die Mehlschwalben in einem Interview nach Abbruch des Kühlturms (s.u.) lediglich mit einem Schulterzucken.


Nach Prüfung der vom Rechtsanwalt unseres Bündnisses angeforderten Unterlagen der Naturschutz- und Bauaufsichtsbehörden haben wir am 13. Januar Widerspruch mit aufschiebender Wirkung zur vorliegenden Abbruchgenehmigung des Kühlturms eingelegt, Frist 16. Januar. Spätestens an diesem Tag dürften auch die RWE-Verantwortlichen Wind von unseren konkreten rechtlichen Schritten bekommen haben. Ein Aussetzen der Abbrucharbeiten und möglicherweise der Erhalt des Kühlturms bis zu Schaffung wirksamer Ausgleichsmaßnahmen für die Mehlschwalben-Kolonie hätte Monate oder Jahre dauern können. Offensichtlich war der Erhalt der Mehlschwalben in Biblis keine Option für RWE.


Schon am Nachmittag des 14. Januar war Wildtierschutz Deutschland mit seinem Presseteam in Biblis vor Ort: Am verbliebenen Kühlturm stellten wir ein reges Treiben fest: Bagger, LKWs, Hebebühnen, Markierungen und bereits fertiggestellte Bohrungen am Kühlturm, Bauarbeiter, die mit schweren Maschinen weitere Bohrungen am Kühlturm vornahmen. An diesem Tag erfuhren wir, dass der Abbruch des Turms möglicherweise am darauffolgenden Montag (19. Januar) erfolgen könnte. Uns war klar, dass RWE der Umsetzung unseres Widerspruchs zuvorkommen wollte.


Noch am Abend informierten wir unseren Anwalt, der dem Kreis Bergstraße die Situation erläuterte und die Frist für einen Bescheid zum Baustopp auf Freitag 10 Uhr vorverlegte.

 

Am 15. Januar überreichten wir mit unserem Presseteam und Vertretern weiterer Naturschutzorganisationen die von Kirsten Dressel initiierte und von fast 11.000 Menschen unterzeichnete Petition zum Schutz der Mehlschwalben an den Kreisbeigeordneten und Bau-Dezernent Matthias Schimpf. Er nahm die Petition in Vertretung des Landrats des Kreises Bergstraße an. Eine Pressevertreterin informierte uns über einen möglichen Abrisstermin 26. Januar. Der sollte eigentlich – wie alle anderen Abrisstermine – durch RWE über eine Pressemitteilung avisiert werden, was in diesem Fall aber – wohl aus guten Gründen – nicht geschah. 


Nachdem der Kreis Bergstraße RWE am gleichen Nachmittag (15. Januar) mitgeteilt hatte, dass der durch Wildtierschutz Deutschland und die beteiligten Naturschutzorganisationen bewirkte Widerspruch aufschiebende Wirkung hinsichtlich des Abbruchs habe, begaben wir uns erneut zum Kühlturm. Heute achtete Wachpersonal darauf, dass sich niemand dem von einem Radweg bis auf wenige Meter zugänglichen Kühlturm nähert. Uns gelang es trotzdem zu Arbeitern am Turm vorzudringen. Man wolle die ganze Nacht durcharbeiten, hieß es dort.


Zu diesem Zeitpunkt war nach Auskunft eines diensthabenden Mitarbeiters die Polizeidienststelle Lampertheim darüber informiert, dass am Freitag (16. Januar) ein Gutachten hinsichtlich der Stabilität des Kühlturms eingeholt werden sollte. Doch es kam noch schlimmer: Aus der Presse erfuhren wir, dass bereits am Donnerstag – kurz nach Eingang des Behördenschreibens zum Baustopp am Kühlturm – eine Einstellung der Arbeiten aus "statischen Gründen" nicht mehr möglich sei.


Für uns war klar: RWE wollte der aufschiebenden Wirkung unseres Widerspruchs zuvorkommen. Das konnte nur möglich sein, wenn man Tag und Nacht an der Destabilisierung des Kühlturms arbeitet.


Am Freitag, den 16. Januar, wurden wir um 12h43 Zeugen des unseres Erachtens widerrechtlichen Abbruchs des letzten Kühlturms auf dem AKW-Gelände.


Mit großer Wahrscheinlichkeit geht damit eine der bedeutendsten Mehlschwalben-Brutkolonien Deutschlands für immer verloren – es sei denn, es erfolgen noch im Februar und März sinnvolle Maßnahmen, die neue Standorte für die aus Afrika anreisenden Mehlschwalben attraktiv machen. RWE zeigt daran bisher kein Interesse.

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