Ein Schneckenleben zählt genauso
- Susanne Schüßler
- vor 15 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Schnecken sind keine Schädlinge, die bekämpft werden müssen. Sie leben seit über 500 Millionen Jahren auf dieser Erde. Vermutlich gibt es zwischen 40.000 und 100.000 verschiedene Arten weltweit, einige im Wasser, andere an Land, und manche von ihnen sind bereits bedroht. Die Spanische Wegschnecke, die übrigens vermutlich nicht ursprünglich aus Spanien stammt, ist erst seit etwa fünfzig Jahren bei uns weit verbreitet.

Verantwortung für unsere Gärten
Wir erleben täglich, wie der Lebensraum vieler wildlebender Tierarten durch den Menschen schwindet. Wenn wir auf eine wilde Wiese blicken, sehen wir heute oft nur noch eine Handvoll Insekten, wo es früher vor Leben wimmelte. Statt summender Vielfalt herrscht heute oft Stille. Gerade in unseren eigenen Gärten sollten wir Verantwortung tragen, denn sie sind Teil der Landschaft und Teil der Natur. Solange ein privater Garten nicht vollständig abgeschlossen ist, werden Tiere ihn aufsuchen, und diese Tiere sind in gewissem Maße von uns abhängig. Unser Tun hat Konsequenzen. Diese können hilfreich sein oder tragisch. Und letztlich betreffen sie auch uns selbst. Deshalb sollten wir uns nicht länger fragen, ob bestimmte Tiere gut oder schlecht für unseren Garten sind. Jedes Lebewesen auf dieser Erde hat seine Daseinsberechtigung, Schnecken ebenso wie wir Menschen.
Schnecken sind Teil eines großen ökologischen Zusammenhangs. Sie helfen beim Zersetzen organischer Materialien, tragen zur Bodenverbesserung bei und leisten so ihren Beitrag zum Kreislauf des Lebens. Leere Schneckenhäuser werden von Wildbienen als Nistplatz genutzt, und für viele Tiere sind Schnecken eine wichtige Nahrungsquelle. Diese feinen Verbindungen können sich nur entwickeln, wenn wir Menschen nicht ständig eingreifen. Doch weil wir unsere Gärten gestalten, liegt es in unserer Verantwortung, den Tieren dort einen möglichst natürlichen Lebensraum zu ermöglichen. Wenn wir Schnecken fragen könnten, würden sie vermutlich lieber Salatblätter stehen lassen, als einen qualvollen Tod durch Gift, Salz oder Schere zu erleiden. Auch sie verdienen, genauso wie die Salatblätter unseren Schutz und unsere Aufmerksamkeit.
Achtsamkeit im Alltag
Ich begegne im Alltag Menschen, die sensibel mit Schnecken umgehen, etwa ein Nachbarpaar, das regelmäßig, wenn die Biotonne geleert wird, bei ihrem Spaziergang die Tiere rettet, die unter den Deckeln gefangen sind. Dieses Verhalten hat mich zum Erstaunen und Nachmachen gebracht. Seitdem kontrolliere ich vor dem Abholen der Biotonne den Deckel, zumal ich kaum Schnittgut habe, weil alles im Garten verwertet wird. Schneckenkorn ebenso wie Bierfallen, Salz, kochendes Wasser und die Schere sollten absolut tabu sein. Selbst sogenanntes „Bioschneckenkorn“ ist nicht völlig risikofrei. Viele dieser Produkte enthalten Wirkstoffe wie Eisen-III-Phosphat, die als weniger schädlich gelten, aber dennoch Auswirkungen auf andere Tiere und den Boden haben können. Offen liegendes Schneckenkorn kann von Igeln oder Vögeln aufgenommen werden, die sich dadurch indirekt schädigen oder vergiften können, insbesondere wenn andere Wirkstoffe enthalten sind. Außerdem gefährdet es Vögel und ihre Brut, Igel, Spitzmäuse, Haustiere und sogar Kleinkinder. Die Stoffe gelangen in den Boden, in die Pflanzen und damit unter Umständen auch auf unsere Teller.
Warum Schnecken in den Garten gehören
Warum gehören Schnecken in den Garten? Weil sie Teil des Lebens sind. Sie sind faszinierend, schön und notwendig. Schnecken haben Durst, genau wie andere Tiere auch. Sie lieben es, sich im Sommer, in einer flachen Wasserschale abzukühlen. Sie fressen Fallobst, abgestorbene Pflanzenteile, Aas, Pilze und sogar ihre eigenen Artgenossen und helfen so beim Aufräumen. Sie tragen zur Humusbildung bei und verbreiten teilweise auch Samen, indem diese über ihren Verdauungstrakt transportiert werden.
Wenn wir nicht mehr jede verwelkte Pflanze sofort entfernen, können wir feststellen, dass die Schäden durch Schneckenfraß oft nachlassen, weil sich ein natürliches Gleichgewicht einstellt. Die Weinbergschnecke frisst unter anderem Eier anderer Schneckenarten, ebenso wie der Tigerschnegel. So reguliert sich das Gleichgewicht auf natürliche Weise. Und wir können beobachten, dass viele Vögel, darunter Amseln, Elstern, Stare, Raben, Krähen und Rotkehlchen, Schnecken fressen. Der Kalk aus deren Gehäusen hilft ihnen beim Bau stabiler Eierschalen. Auch Laufkäfer und ihre Larven fressen Schneckeneier, ebenso wie die Larven der Glühwürmchen, die inzwischen ebenfalls gefährdet sind.
Natürliche Feinde fördern
Ein naturnaher Garten kann dazu beitragen, dass sich ein stabiles Gleichgewicht zwischen Schnecken und ihren natürlichen Feinden entwickelt. Vögel, Igel, Kröten, Frösche und auch viele Insekten wie Laufkäfer sind auf strukturreiche Lebensräume angewiesen. Wer Laub liegen lässt, kleine Totholzhaufen anlegt, Hecken wachsen lässt oder auf chemische Mittel verzichtet, schafft Rückzugsorte für diese Tiere. Auch das Vermeiden von Mährobotern in der Nacht schützt viele nachtaktive Arten.
Je vielfältiger ein Garten gestaltet ist, desto größer ist die Chance, dass sich natürliche Gegenspieler ansiedeln. Auf diese Weise reguliert sich der Schneckenbestand auf natürliche und schonende Weise, ohne dass einzelne Tierarten gezielt bekämpft werden müssen.
Faktencheck: Häufige Schneckenarten
Die Spanische Wegschnecke ist heute eine der häufigsten Nacktschneckenarten in Deutschland. Sie kann bis zu 14 cm lang werden, zeigt eine große Farbvariabilität und ist zwittrig. Eine vollständige Selbstbefruchtung ist möglich, kommt jedoch seltener vor als die Paarung. Pro Gelege werden typischerweise einige Dutzend bis wenige hundert Eier abgelegt, nicht mehrere hundert in einem einzigen Gelege. Unter günstigen Bedingungen kann sie sich stark vermehren und Schäden im Gartenbau verursachen.
Die Weinbergschnecke gehört zu den größten heimischen Gehäuseschnecken und kann mehrere Jahre alt werden, in Einzelfällen sogar deutlich älter. Sie lebt bevorzugt in kalkhaltigen, feuchten Lebensräumen und steht in Deutschland unter Schutz. Ihre Nahrung besteht überwiegend aus welkem Pflanzenmaterial und Algen, wodurch sie eher zur Zersetzung als zur Schädigung beiträgt.
Der Tigerschnegel ist eine große, auffällig gemusterte Nacktschnecke, die sich vor allem von abgestorbenem Material, Pilzen und Aas ernährt. Zusätzlich frisst er Eier und Jungtiere anderer Schneckenarten und trägt so zur natürlichen Regulation bei. Entgegen seiner Größe ist er kein Schädling, sondern ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Gartens.







