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Das Eichhörnchen im Winter – Überleben zwischen Frost, Futterknappheit und menschlichen Gefahren

  • Susanne Schüßler
  • 18. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Wenn die ersten frostigen Nächte einsetzen und der Herbst allmählich in den Winter übergeht, verändert sich der Alltag vieler Wildtiere grundlegend. Für das Eichhörnchen, eines der bekanntesten Waldbewohner und zugleich ein vertrauter Gast in unseren Gärten und Parks, beginnt dann eine besonders anspruchsvolle Zeit. Obwohl wir es häufig als flink, anpassungsfähig und verspielt wahrnehmen, ist der Winter für Eichhörnchen mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Was für uns oft verspielt und unbeschwert wirkt, ist für die Tiere in Wahrheit ein täglicher Balanceakt zwischen Energiegewinn und -verlust, bei dem jede falsche Entscheidung lebensbedrohlich werden kann.


Eichhörnchen
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Ein vertrautes Wildtier mit wachsenden Risiken

Eichhörnchen zählen zu den beliebtesten Wildtieren Mitteleuropas. Mit ihrem rotbraunen Fell, dem buschigen Schwanz, den im Winter markanten Ohrpinseln und ihrer akrobatischen Bewegungsweise prägen sie das Bild vieler Wälder ebenso wie Grünanlagen und Siedlungsräume.


In Deutschland ist das Eurasische Eichhörnchen nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt und gilt derzeit nicht als gefährdet. Doch dieser rechtliche Status darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Lebensbedingungen der Tiere zunehmend verschlechtern. Wie viele andere Wildtiere leiden auch Eichhörnchen unter dem Verlust geeigneter Lebensräume, der fortschreitenden Zerschneidung von Landschaften, dem Straßenverkehr, klimatischen Veränderungen und einem immer knapper werdenden, veränderten Nahrungsangebot.

 

Kein Winterschlaf, sondern täglicher Überlebenskampf

Im Gegensatz zu anderen Säugetieren hält das Eichhörnchen keinen Winterschlaf, sondern eine Winterruhe. Es bleibt auch in der kalten Jahreszeit aktiv und muss täglich Nahrung finden, um seinen hohen Energiebedarf zu decken. Sein Stoffwechsel läuft dauerhaft auf Hochtouren, da die Körpertemperatur selbst bei Frost konstant gehalten werden muss. Um dennoch den Kalorienverbrauch zu reduzieren, verlangsamt sich sein Herzschlag. Bei extremen Wetterlagen ziehen sich Eichhörnchen in ihre sogenannten Kobel zurück, kugelförmige Nester aus Zweigen, Moos und Blättern, die im Winter zusätzlich mit Federn oder Tierhaaren ausgepolstert sind. Meist verfügen die Tiere über mehrere Kobel, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Echte Ruhephasen sind jedoch begrenzt. Spätestens nach ein oder zwei Tagen müssen Eichhörnchen wieder aktiv werden und den Kobel verlassen, um Nahrung oder Wasser aufzunehmen oder ihren Kot abzusetzen.


Um auch außerhalb der Nester überleben zu können, wechseln Eichhörnchen im Winter zu einem dichteren Fell mit höherem Grauanteil, das zusätzlich der Tarnung dient.  Da sich das Eichhörnchen im Gegensatz zu den Winterschläfern keine Fettreserven anfuttert, sind besonders längere Kälteperioden oder geschlossene Schneedecken bei der notwendigen Nahrungssuche eine erhebliche Herausforderung.

 

Was Eichhörnchen fressen und warum Vielfalt entscheidend ist

Die Ernährung des Eichhörnchens ist vielfältig und saisonal angepasst. Zu den wichtigsten Nahrungsquellen zählen Haselnüsse, Walnüsse, Bucheckern, Kastanien sowie Samen aus Fichten- und Kiefernzapfen. Hinzu kommen Knospen, Beeren, Pilze und Rindenbestandteile. Ergänzend nehmen Eichhörnchen auch tierische Nahrung auf, wozu Insekten und Larven gehören, in Ausnahmesituationen aber auch Schnecken, Vogeleier oder Jungvögel, insbesondere in Phasen erhöhten Energiebedarfs wie während der Jungenaufzucht.


Vorratshaltung als Überlebensstrategie

Im Herbst legen Eichhörnchen umfangreiche Vorräte in sogenannten Nahrungsdepots an. Um Fressfeinde nicht anzulocken, horten sie Futtervorräte nicht im Kobel, sondern vergraben Nüsse und Samen im Boden unter Moos und Laub oder verstecken sie in Baumritzen, hinter Rinde oder in Astgabeln. Dieses sogenannte Streuen der Vorräte ist eine effektive Strategie, um auch dann Nahrung zu finden, wenn einzelne Verstecke verloren gehen oder geplündert werden. Gleichzeitig tragen Eichhörnchen auf diese Weise zur natürlichen Verbreitung von Bäumen bei, da ein Teil der versteckten Samen nicht wiedergefunden werden.


Problematisch wird diese Strategie, wenn das Nahrungsangebot insgesamt zurückgeht. Monotone Wälder, fehlende Altbäume, intensive Forstwirtschaft und aufgeräumte Gärten reduzieren die Menge geeigneter Nahrung erheblich. In Wintern, in denen Eichhörnchen ihre Depots unter harter Schneedecke oder in gefrorenem Boden nicht mehr erreichen können, wird die Situation schnell lebensbedrohlich. Die Tiere müssen dann deutlich länger suchen, was wertvolle Energie kostet, die sie dringend benötigen, um den Winter zu überstehen.


Klimawandel und seine Folgen für das Eichhörnchen

Auch das Eichhörnchen bleibt von den Auswirkungen des Klimawandels nicht verschont. Milde Winter und ungewöhnlich warme Frühjahre verändern die natürlichen Abläufe. Die Paarungszeit der Eichhörnchen beginnt häufig bereits im späten Winter. Durch klimatische Verschiebungen kann es zu früheren oder zusätzlichen Würfen kommen. Was zunächst positiv erscheint, birgt erhebliche Risiken. Finden die Weibchen nicht ausreichend Nahrung, um den erhöhten Energiebedarf zu decken, können Jungtiere geschwächt sein oder eine geringere Überlebenschance haben.


Gefahren durch den Menschen im Winter

Neben den natürlichen Herausforderungen sind es vor allem menschengemachte Gefahren, die Eichhörnchen im Winter zusätzlich belasten. Der Straßenverkehr stellt eine der größten Bedrohungen dar, da die Tiere auf der Suche nach Nahrung größere Distanzen zurücklegen müssen. Vor allem freilaufende Katzen aber auch Hunde, können Eichhörnchen erheblich stressen oder verletzen. Baumfällungen, der Verlust alter Gehölze und das Entfernen von Hecken nehmen ihnen wichtige Rückzugsorte und geeignete Plätze für den Bau ihrer Kobel.


Schwache oder verletzte Tiere sollten immer gesichert werden und dann zeitnah fachkundige Hilfe erhalten, etwa durch eine auf Wildtiere spezialisierte Tierarztpraxis oder eine Auffangstation.

 

Fütterung als Unterstützung, nicht als Ersatz

Besonders in städtischen Gebieten kann das Nahrungsangebot knapp werden. Eine gezielte, verantwortungsvolle Fütterung kann daher unterstützend wirken, sowohl beim Anlegen der Vorräte im Herbst als auch über den Winter hinweg. Wal- und Haselnüsse (auch mit Schale), Sonnenblumenkerne, Bucheckern, Kürbiskerne und spezielles Eichhörnchenfutter sind geeignet. Auf Erdnüsse und Mandeln sollte verzichtet werden, ebenso auf Brot sowie gesüßte oder gewürzte Lebensmittel, da sie der Gesundheit der Tiere schaden. Wichtig ist eine abwechslungsreiche Mischung aus naturbelassenen, ungesalzenen und ungerösteten Komponenten. Spezielle Futterstationen sollten erhöht und möglichst sicher angebracht werden, um Gefahren durch Beutegreifer zu minimieren. Auch Wasser spielt im Winter eine wichtige Rolle, da natürliche Quellen häufig gefroren sind. Bitte immer regelmäßig reinigen, um Krankheiten zu vermeiden.


Naturnahe Lebensräume als Schlüssel zum Schutz

Langfristig hilft dem Eichhörnchen als Kulturfolger vor allem der Erhalt naturnaher Lebensräume, auch in unseren Siedlungen. Gärten mit Bäumen, Sträuchern, Wildhecken, liegengelassenem Laub, aber auch Reisig, Zweigen oder Nadeln bieten Nahrung und Schutz. Alte Bäume mit Höhlen oder dichten Astgabeln sind besonders wertvoll. Nussbäume, allen voran Walnussbäume, aber auch Haselnusssträucher, gehören zu den bevorzugten Lebensräumen. Weniger Ordnung, mehr Rückzugsorte und geeignetes Kobelmaterial wie Wolle oder ungewebte Stoffreste aus Baumwolle, Leinen, Hanf oder Jute, die keine Fäden ziehen, leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz dieser und vieler anderer Wildtiere. Wer den eigenen Garten auch aus der Perspektive der Tiere betrachtet und ihn nicht ständig verändert, hilft Eichhörnchen zudem dabei, ihre Vorratsverstecke wiederzufinden.


Ein stiller Mitbewohner unserer Welt

Das Eichhörnchen lebt mitten unter uns und bleibt doch oft unbeachtet in seinem täglichen Überlebenskampf. Sein Schicksal macht deutlich, wie eng unser eigenes Handeln mit dem Wohlergehen der Wildtiere verknüpft ist. Wer Eichhörnchen schützt, schützt zugleich ganze Lebensgemeinschaften. Gerade der Winter macht sichtbar, wie verletzlich selbst vertraute Arten sind und wie sehr sie auf unsere Rücksicht und Verantwortung angewiesen bleiben.

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