Der Igel im Winter – ein stiller Hilferuf
- Susanne Schüßler
- vor 3 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Dieser Beitrag erzählt nicht nur vom Igel im Winter in der freien Natur. Er ist in Zusammenarbeit mit Eva Baumann-Franke entstanden, einer Tierheilpraktikerin, die Igel in Not pflegt und fachkundig versorgt. Sie erlebt die dramatischen Folgen von Lebensraumverlust, Insektensterben und Klimawandel unmittelbar, denn immer mehr geschwächte Tiere werden in menschliche Obhut gebracht. Die Zahl der Igel, die auf Pflege angewiesen sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Der Igel gehört zu den vertrautesten Wildtieren unserer Gärten. Und doch verschwindet er zunehmend aus unserer Landschaft. Sein Rückgang ist kein abstraktes Naturschutzthema, sondern spielt sich direkt vor unseren Augen ab. Der Braunbrustigel steht inzwischen auf der Roten Liste beziehungsweise auf der Vorwarnliste gefährdeter Arten. Dass ausgerechnet dieses anpassungsfähige Tier unsere Unterstützung immer dringender braucht, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie stark sich seine Lebensbedingungen verschlechtert haben.
Besonders der Winter wird für viele Igel zur Überlebensfrage. Was früher selbstverständlich war, nämlich sich im Herbst ausreichend Nahrung anzufressen und gut geschützt zu überwintern, ist heute für viele Tiere kaum noch möglich. Der massive Rückgang von Insekten, ausgelöst durch intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz, Flächenversiegelung und strukturlose Gärten, entzieht dem Igel seine Nahrungsgrundlage. Aufgeräumte Grünanlagen und monotone Rasenflächen bieten weder Nahrung noch Rückzugsorte. Der Igel leidet direkt unter diesen menschengemachten Veränderungen. Durch seine Abhängigkeit von Insekten gehört der Igel zu den großen Verlierern dieser Entwicklung.
Klimawandel bringt den natürlichen Rhythmus durcheinander
Zusätzlich verschärft der Klimawandel die Situation erheblich. Milde Winter, lange warme Herbstphasen und ungewöhnlich frühe Frühjahre bringen den natürlichen Jahresrhythmus des Igels aus dem Gleichgewicht. Viele Tiere gehen später in den Winterschlaf, wachen dafür aber deutlich früher wieder auf. In diesen Übergangszeiten finden sie jedoch kaum Nahrung, da Insekten und andere Wirbellose noch nicht oder nicht mehr in ausreichender Zahl vorhanden sind.
Auch der Fortpflanzungszyklus verändert sich. Igel bekommen teilweise früher Nachwuchs oder sogar zusätzliche späte Würfe im Jahr. Die Jungtiere aus diesen späten Geburten haben jedoch oft keine Chance, rechtzeitig genug Gewicht für den Winter anzulegen. Der Klimawandel verlängert damit scheinbar die aktive Zeit des Igels, verschlechtert aber in Wahrheit seine Überlebenschancen erheblich.

Fettreserven entscheiden über Leben und Tod
Igel sind spezialisierte Insektenfresser. Käfer, Raupen und Larven bilden ihre natürliche Nahrungsgrundlage. Genau diese Tiere fehlen jedoch immer häufiger. Viele Igel finden im Herbst nicht mehr genug Nahrung, um sich die lebensnotwendigen Fettreserven anzufressen. Dabei ist ein Mindestgewicht entscheidend, um den Winter zu überstehen. Häufig weichen Igel auf Regenwürmer und Schnecken als Notnahrung aus. Daraus ergeben sich neue Probleme, denn die Nährstoffversorgung ist unzureichend, und sowohl Schnecken als auch Regenwürmer sind häufig Überträger von Parasiten wie dem Lungenwurm oder dem Darmhaarwurm.
Ein Jungigel sollte vor dem Winterschlaf mindestens 600 Gramm wiegen. Besonders Jungtiere aus späten Würfen erreichen dieses Gewicht immer seltener rechtzeitig vor dem Kälteeinbruch. Altigel sollten mindestens 900 Gramm auf die Waage bringen, bevor sie sich in den Winterschlaf begeben. Sehr viele Igel gehen geschwächt in die kalte Jahreszeit und haben ohne Hilfe kaum eine Chance zu überleben.
Wichtig ist außerdem, dass ein Igel im Winter nicht einfach weiter draußen gefüttert wird, wenn er eigentlich zu schwach für den Winterschlaf ist. Bereits bei Temperaturen unter etwa 15 Grad Celsius nutzt der Igel die durch Futter aufgenommene Energie nahezu ausschließlich, um seine Körpertemperatur zu halten, und kann kein Körpergewicht mehr aufbauen.
Der Winterschlaf – extremes Energiesparen
Der Winterschlaf ist eine lebenswichtige Anpassung an nahrungsarme Zeiten. Im Winter zieht sich der Igel in sein Nest zurück und verfällt in einen tiefen Ruhezustand, der oft vereinfacht, als Winterschlaf bezeichnet wird. In dieser Phase fährt er seinen gesamten Organismus drastisch herunter. Die Körpertemperatur sinkt von rund 36 Grad auf wenige Grad über der Umgebungstemperatur, der Herzschlag verlangsamt sich stark, ebenso die Atmung. Der Igel lebt nun ausschließlich von seinen Fettreserven.
Jede Störung kostet ihn wertvolle Energie. Wird er zu häufig geweckt, kann das tödlich enden. Umso wichtiger sind ruhige, geschützte Winterquartiere aus Laub, Gras und Zweigen, die vor Kälte und Nässe schützen.
Wenn ein Igel im Winter unterwegs ist, ist er in Not
Ein Igel, der im Winter bei Frost, Schnee oder sogar tagsüber umherläuft, braucht immer Hilfe. Gesunde Tiere schlafen zu dieser Zeit gut verborgen. Tiere, die dennoch unterwegs sind, haben meist nicht genug Fettreserven, sind krank oder verletzt oder wurden durch Bauarbeiten, Gartenaufräumaktionen oder andere Störungen aus ihrem Nest vertrieben.
Spätestens bei Temperaturen unter fünf Grad gilt ein umherlaufender Igel als hilfsbedürftig. Auch sehr kleine, leichte Tiere oder Igel, die apathisch wirken, sich kaum einrollen oder sichtbar verletzt sind, benötigen dringend Unterstützung. In solchen Fällen sollte nicht weggeschaut werden. Ein geschwächter Igel muss zunächst gesichert und anschließend umgehend eine Igelstation, eine Wildtierhilfe oder eine wildtierkundige Tierärztin oder Tierarzt kontaktiert werden, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Jeder gerettete Igel zählt. Unüberlegte Hilfe kann mehr schaden als nützen. Fachkundige Unterstützung ist entscheidend.
Wie dem Igel fachgerecht geholfen wird
Eva Baumann-Franke berichtet, dass Anfang Dezember noch Jungtiere mit gerade einmal 300 Gramm Körpergewicht in Pflege kamen. Fast alle brachten sowohl Endo- als auch Ektoparasiten mit. Zwei Tage nach Silvester wurde zudem ein Altigel von Kindern beim Rodeln im Schnee entdeckt. Er war stark unterernährt und litt unter massivem Milbenbefall.
Diese Tiere hatten Glück. In fachkundiger Pflege konnten sie stabilisiert, behandelt und auf ein geeignetes Winterschlafgewicht aufgefüttert werden. Im Winter können sie nicht mehr einfach ausgewildert werden. So gehen Igel aus der Pflege von Ende November bis in den Januar hinein meist verspätet in einen sogenannten kontrollierten Winterschlaf. Dieser findet an einem schattigen, ruhigen Platz in Gärten statt, in einem speziell eingerichteten Überwinterungsgehege mit winterschlafgeeignetem Haus. Nur so kann sichergestellt werden, dass mögliche Störungen oder ein vorzeitiges Aufwachen bemerkt werden.
Naturnahe Gärten und sichere Schlafplätze
Langfristig entscheidet sich das Überleben des Igels vor allem in unseren Gärten. Naturnahe Gärten sind kein Zeichen von Vernachlässigung, sondern lebenswichtige Rückzugsräume und aktiver Beitrag zum Wildtierschutz. Laubhaufen, Totholz, dichte Hecken und unversiegelte Flächen bieten Nahrung, Schutz und Winterquartiere. Zusätzlich können Igelschlafhäuser eine wertvolle Hilfe sein, wenn sie fachgerecht aufgestellt und gesichert sind.
Ein geeignetes Schlafhaus sollte ruhig, wettergeschützt und möglichst ungestört stehen. Wichtig ist ein enger, verwinkelter Eingang oder eine sogenannte Rattenklappe, die verhindert, dass größere Tiere eindringen können. Es muss sichergestellt sein, dass keine Katzen, Marder oder Ratten Zugang haben, da sie den Igel gefährden oder vertreiben können. Das Schlafhaus darf im Winter keinesfalls geöffnet oder kontrolliert werden, um den Igel nicht unnötig zu stören.
Ein Wildtier, das auf uns angewiesen ist
Dass der Igel heute unsere Hilfe braucht, ist kein Zeichen seiner Schwäche und auch kein individuelles Schicksal, sondern das Ergebnis menschlicher Eingriffe in natürliche Lebensräume. Klimawandel, Lebensraumverlust, Flächenversiegelung und Insektensterben greifen ineinander und treffen den Igel besonders hart. Sein Überleben hängt zunehmend davon ab, ob wir bereit sind, ihm Raum, Nahrung und Schutz zu lassen. Sein Schicksal steht stellvertretend für viele andere Wildtiere.
Jeder naturnahe Garten, jedes sichere Schlafhaus und jede helfende Hand im Winter können den Unterschied machen. Der Igel lebt leise und unauffällig. Sein Verschwinden wäre ebenso still. Ihm Raum zu lassen bedeutet, Verantwortung für den Schutz unserer heimischen Tierwelt zu übernehmen.
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