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Jagdhündin Wessna, eine selbstfliegende Dose und der Dorf-Sheriff

13 Jan 2018

In Bodenbach alarmierte mich eines Tages lautes „Geschrei“. Es war ein Reh, an dessen Po sich ein kleiner Jagdhund festgebissen hatte. Den konnte ich verscheuchen, das Reh sank vor mir schwer verletzt zu Boden. Herumtelefoniert, um zu erfahren, wer zuständig ist. Der Dorfwirt (ihm „gehörte“ die Jagd) kam recht bald, ich führte ihn zu dem Tier - und ohne auch nur ein Wort mit mir zu sprechen, nahm er seine Flinte und erschoss es.

 

Das hat mir echt den Rest gegeben. Ich dachte, er hilft mir, das Reh zum Tierarzt zu bringen. Danach, während er’s einlud, um es vermutlich in seiner Restaurantküche zu „verarbeiten“, murmelte er etwas von jungem, noch nicht voll ausgebildetem Hund. An dem Tag wurde eine große Treibjagd auf der anderen Seite des Berges veranstaltet. Kollateralschaden nennt man so etwas wohl? Unmöglich.

 

 Aber lieber nicht zu tief graben. Tasso, ein wunderschöner Dogge-Schäfer-Mix, mit dem ich mehrere tausend Kilometer durch Frankreich trampte, wurde - wieder daheim bei seinen Leuten - während des Sonntagsspaziergangs erschossen. Er tollte nur auf einer Wiese herum. So ein Dödel hockte auf seinem Hochsitz am Waldrand und ballerte.

 

Ich bück mich über einen Bach, um zu trinken, wirklich ein heißer Sommer, Wessna lässt sich mit Anlauf direkt vor mir ins Wasser plumpsen.

 

Die Ironie? Mir stockte fast der Atem, als ich Jahrzehnte später mit der Jagdhündin Wessna abends im Dämmerlicht auf den Revierförster traf. Sie war ja nie angeleint, lief im Wald voraus, musste ihm vor mir begegnet sein. „Oh danke, danke, dass Sie Wessna nicht erschossen haben!“ „Wie kommen Sie denn auf die Idee? Sehe ich doch, welch' edles Tier sie ist. Nein, niemals.“ Hund mit Abitur halt und einer gnadenlosen Erziehung. Einmal im Jahr - Jäger-Herrchen im Urlaub - ging sie drei Wochen zur Schulung, Auffrischung der „Abrichtung“. Danach war Wessna komplett durch den Wind, fix und fertig. Zuletzt, mittlerweile bewährte „Hunde-Führerin“, durfte ich dabei sein, um sie von diesem Jagdhundezüchter-Sommerlager abzuholen. Wessna ignorierte ihre Besitzer, wollte unbedingt auf meinen Schoß, drückte sich zitternd an mich. Stromstöße per Funkleine usw., einfach schrecklich. Ohne Unterschiede machen zu wollen, aber ein äußerst sensibles Tier trifft’s besonders hart.

 

Als Vorstehhündin hatte man ihr - gewiss auch über Strom - das Bellen bzw. jeglichen Laut abtrainiert. Wild durfte sie nur schweigend mit erhobener Pfote anzeigen. Wir waren schon drei Jahre täglich gemeinsam im Wald unterwegs, als an einem Abend „Gefahr“ drohte. Über den Weg flatterte nach getaner Arbeit das rot-weiße Absperrband der Holzfäller. Wessna blieb wie angewurzelt stehen. „Ach, das ist doch nur Plastik!“ Ich lief darauf zu, und im Moment vor’m Berühren kam ein unglaublich tiefes, einmaliges „Wuff“: „Fass es nicht an!“ Wow, was für eine Stimme! Nie vorher gehört. Eben, mit 12 Jahren, setzte sie sich über ihre unbarmherzige Erziehung hinweg, gab zum ersten Mal Laut, um mich zu warnen. Eine veritable Liebeserklärung, nicht wahr?

                                                                                                                                                                 

Zuletzt verbrachte Wessna jedenfalls eine sehr glückliche Zeit. Tiere sind durchaus Ironie-fähig. Sie rannte einen Hang hoch, um den Schlafplatz von Rehen oder Wildschweinen abzuschnüffeln, ich rief im Weitergehen: „Was ist? Willst du da oben überwintern?“, schon kam sie kichernd angesaust. „Nee, ich komme lieber mit.“

 

Über die „selbstfliegende“ Dose kriegte sie mich dran. Ihr das rostige Ding weggenommen und die Böschung runter gekickt. Auf dem Rückweg lag die Dose wieder da. Am nächsten Morgen, Abend auch … „Glaubst du, ich könnte nicht auf hundert Meter riechen?“ Wessna holte sie rauf, ließ die Büchse schelmisch fallen, wenn ich an die Stelle kam, war sie längst weiter.

 

Die Leidenschaft für Schlammbäder ein einziger Schabernack. „Ich verdurste, kann kaum noch laufen, muss unbedingt an der Pfütze dort etwas trinken“ - ausnahmsweise wegen ihrer Sauereien angeleint. „Gut, aber nur einen Schluck vom Rand aus.“ Kurzer Ruck an der Leine, Hund lag lachend mitten im Schlammloch. Ich bück mich über einen Bach, um zu trinken, wirklich ein heißer Sommer, Wessna lässt sich mit Anlauf direkt vor mir ins Wasser plumpsen. Von jetzt auf gleich Hinken, irgendetwas in die Pfote getreten, untersucht, keinen Splitter gefunden. „Gut, tragen kann ich dich nicht, du wartest jetzt hier, ich laufe nach Hause und hole das Auto.“ Hund schlagartig gesund.

 

 

Einmal begegnete uns der Dorfsheriff, Montagmorgen um sieben auf Patrouille - im Wald. „Der Hund ist nicht an der Leine, gefährlich für Spaziergänger.“ „Ach, sehen Sie hier jemanden außer uns? Noch dazu handelt es sich um eine Jagdhündin, sie interessiert sich null für Menschen.“ Falsche Antwort: „Wenn ich Sie noch einmal erwische, sind Sie mit 50 DM dabei“. Er fuhr weiter, ich entschuldigte mich bei Wessna: „Wir brauchen die Leine, der Idiot bringt’s fertig und dreht um.“ Es war fürchterlich, sie wurde in der Sekunde schwer depressiv, schleppte sich dahin, ließ sich schließlich fallen. Kein Zerren und Schimpfen half. „Na gut, dann zahle ich die Strafe halt.“ Noch vor Lösen der Leine war die Lady quietschfidel. Eine beeindruckende Persönlichkeit mit viel Sinn für Humor. 

 

Extra für sie einen Wildbach gestaut, damit wir nach ihren Schlammexzessen sauber nach Hause kamen. Jeden Morgen machte sie mir grinsend den Damm aus Steinen kaputt. Kriegte dafür ihrerseits die Krise, wenn wir Verstecken spielten, ich mich hinter einem Baum oder im hohen Gras verbarg. Trotz ihrer Spürnase fand sie mich nie, verzweifelte daran. Allerdings, was sich so leicht/locker anhört, besonders Wessnas Gehorsam, fußte auf 'ner Art intimer Kommunikation. Wir hatten einen recht kurz getimten Rhythmus - ohne Uhr. Sie konnte vorauslaufen, aber mehr als zwei Minuten ohne Kontakt waren tabu. Und wenn ich stehen blieb, keine Ahnung, wie sie’s merkte, kam sie ohnehin sofort zurück, bewegte sich erst wieder, sobald ich weiterging. Im Gegenzug rief ich die Hündin nie, wenn sie unmittelbar eine Fährte aufgenommen hatte, beobachtete ihre Körperspannung. Beim ersten winzigen Nachlassen kam der leise Pfiff (ohne Hundepfeife), „unser“ Dreiklang. Sie warf sich pronto herum, rannte zu mir: „Ja bitte? Hier bin ich.“

 

Wir wurden wohl öfter von Wanderern beobachtet, die uns eher nicht auffielen. Sie zeigten sich schwer beeindruckt von einem Hund, der so subtil reagiert. Irgendwas war schon dran, denn ihr Jägerherrchen wagte es kaum, Wessna im Wald von der Leine zu lassen oder brauchte ständig den hohen Piepton der Pfeife. Wir beide liebten (und respektierten) uns eben, jeder achtete auf den anderen.

 

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