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  • Dr. Martin Steverding

Im Angesicht des Todes: Das Leben einer Füchsin

Hören | Intelligenz und Vorsicht ermöglichten ihr - unserer namenlosen Heldin - einige Jahre in einer überaus feindlichen Welt zu leben. Als Fuchs war ihr die Intelligenz angeboren und auch Vorsicht zählt zum Naturell ihrer Spezies. Die Vorsicht hatte ihre Mutter ihr aber ganz besonders beigebracht. Ihren Vater hat die Füchsin nie kennengelernt, er wurde bereits vor ihrer Geburt erschossen. Es geschah in einer mondhellen Februarnacht im Rahmen sogenannter Fuchswochen.

Fuchswelpen spielen am Fuchsbau
Fuchswelpen am Bau. Bild: Thorsten Emberger

Geboren wurde sie in einem Fuchsbau in einem kleinen Wäldchen in einer ansonsten eher offenen, landwirtschaftlich geprägten Gegend. Im Alter von etwa einem Monat erlebte sie ihre erste Flucht: Mutter trug sie und ihre vier Geschwister fort in einem anderen versteckt liegenden Bau. Jäger hatten eine Wildkamera aufgestellt und kamen immer wieder zum Auslesen der Speicherkarte – der vorsichtigen Fuchsmutter war das Treiben nicht geheuer.


Die Flucht und das Angesicht des Todes bestimmten fortan ihr Leben. Sie erlebte als einzige von fünf Fuchswelpen den Winter – ihre große Vorsicht zahlte sich aus in der feindlichen Welt. Niemals ging sie in eine Betonrohrfalle, auch wenn der Köder noch so verlockend roch, denn so endete ihr Bruder. Niemals folgte sie der intensiven Duftspur einer Schleppe aus Aas, mit der Jäger Füchse vor den Hochsitz locken, denn so endete ihr zweiter Bruder. Niemals folgte sie dem Wehklagen eines Hasen, denn es konnte ein Jäger sein, der den Ruf zum Anlocken der Füchse imitierte. So endete ihr dritter Bruder. Niemals grub sie etwas aus dem Boden aus, das sie nicht selbst versteckt hatte, denn am Luderplatz endete ihre Schwester. Niemals ging sie im winterlichen Mondschein über ein offenes Feld, denn so endete ihr Vater.


Unsere Heldin verlor die Kinder aus ihrer ersten Geburt, als diese schon einige Wochen alt waren: Im Gebüsch in der Nähe ruhend hörte sie Schüsse und Hundegebell. Als sie sich nach Stunden mit größter Vorsicht dem Bau näherte, erkannte sie gleich, was geschehen war.


Von ihrem zweiten Wurf wurde nur ein Welpe groß. Ihr Partner wurde schon vor der Geburt der Welpen erschossen – wie ihr Vater. Allein konnte sie nicht alle Fuchswelpen versorgen, es war ein schlechtes Mäusejahr. Sie musste ihren Hungertod mit ansehen. Danach – als inzwischen erfahrene Füchsin und Mutter – ging es zwei Jahre lang gut – bis zu diesem einen verhängnisvollen Tag Ende Februar:


Die sechs Welpen waren an jenem Tag bereits geboren und schliefen friedlich an ihren Körper geschmiegt. Irgendetwas bewegte sich über dem Fuchsbau, eine ganz leichte Erschütterung. Plötzlich ertönte wütendes Hundegebell, das in Sekundenschnelle unerträglich laut wurde. Im nächsten Augenblick stand ein rasend bellender und knurrender Dackel direkt vor der Fuchsmutter im Bau. Die namenlose Heldin verteidigte ihre kleinen Fuchswelpen mit ihrem Leben, sie biss den Dackel mit all ihrer Kraft in die Schnauze und ins Gesicht, es roch nach Blut. Der Hund heulte auf und wich zurück, um danach noch wütender anzugreifen. Eine ganze Zeit lang schaffte es die Fuchsmutter, sich und ihren Nachwuchs zu verteidigen und den Hund abzuwehren, aber schließlich gewann dieser die Oberhand, packte die Füchsin am Hals und drückte zu. Ineinander verbissen ging der Kampf um Leben und Tod weiter, bis plötzlich Tageslicht eindrang.


Die Jäger hatten den Bau aufgegraben – einen Einschlag gemacht, wie sie es nennen. Einer von ihnen zog den blutenden Dackel heraus, der sich im Fuchs festgebissen hatte und der trotz erheblicher Verletzungen weiter knurrte. Er hielt seine Kurzwaffe an den Kopf der schwerst verletzten Füchsin und drückte ab. Anschließend holten die Baujäger Welpe für Welpe aus dem Geburtskessel, packten sie an ihren Hinterbeinen und schlugen sie gegen den nächsten Baumstamm.

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Bei einer Baujagd erschlagener Fuchswelpe
Erschlagener Fuchswelpe. Bild: Dr. Martin Steverding

So brutal ergeht es vielen Füchsen in sogenannten „Niederwildrevieren“. Die gnadenlose Fuchsjagd wird als „Niederwildhege“ verkauft – es ist die „Hege vor der Ernte“: Niederwildjäger möchten bei den Gesellschaftsjagden im Herbst und Winter reiche Beute machen – Konkurrenten wie der Fuchs werden so gründlich es geht ausgemerzt.


Fuchswelpen werden regelmäßig bereits im Februar geboren, trotzdem sind Baujagden bis Ende Februar üblich. Die Fuchsmütter „springen“ [= aus dem Fuchsbau flüchten] dann nicht, wenn der Hund in den Bau kommt, sondern sie verteidigen ihre Kinder mit ihrem Leben. Schwere Verletzungen auch der Hunde sind dann normal und werden von den Baujägern hingenommen.

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