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Der Regenwurm – ein unverzichtbares Wildtier im Verborgenen

  • Susanne Schüßler
  • vor 5 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Der Regenwurm ist eines der wichtigsten, zugleich aber am meisten unterschätzten Wildtiere unserer heimischen Natur. Er lebt verborgen im Boden, ohne Stimme und ohne Lobby, und doch hängt ein großer Teil unserer Bodenfruchtbarkeit und damit unserer Ernährung von ihm ab. Regenwürmer sind keine Nutztiere, sondern freilebende Wildtiere, die geschützt werden müssen, weil ihr Lebensraum zunehmend zerstört und verdrängt wird.


Entgegen der verbreiteten Annahme führen Regenwürmer kein kurzes Dasein. In der Natur können sie, je nach Art und Umweltbedingungen, zwei bis acht Jahre alt werden. Dieses vergleichsweise lange Leben verbringen sie fast vollständig im Boden, wo sie ein weit verzweigtes Gangsystem anlegen und kontinuierlich organisches Material zersetzen. Gerade diese lange Lebensspanne macht sie anfällig für dauerhafte Störungen ihres Lebensraums.


Regenwurm
Ein Regenwurm kann in freier Natur zwei bis acht Jahre alt werden. Bild: Adobe Stock

Das stärkste Tier der Welt – bezogen auf seine Größe

Der Regenwurm gilt als eines der stärksten Tiere der Welt, wenn man seine Kraft ins Verhältnis zu seinem Körpergewicht setzt. Er kann ein Vielfaches seines eigenen Gewichts bewegen, indem er Erde verdrängt, verdichtet und durchmischt. Diese enorme Kraft ist notwendig, um sich durch den Boden zu arbeiten und stabile Röhren anzulegen, die über Jahre hinweg bestehen können.


Der Kot der Regenwürmer, auch Wurmkot oder „Wurmhumus“ genannt, enthält deutlich mehr pflanzenverfügbare Nährstoffe als gewöhnliche Gartenerde. Stickstoff, Phosphor, Kalium und Spurenelemente liegen hier in besonders gut aufnehmbarer Form vor. Gleichzeitig verbessert dieser Humus die Bodenstruktur und erhöht die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern. Ohne Regenwürmer würde der Boden ärmer, härter und anfälliger für Erosion.


Warum der Regenwurm den Regen nicht liebt

Trotz seines Namens mögen Regenwürmer starken Regen nicht. Bei anhaltenden oder heftigen Niederschlägen flüchten sie an die Oberfläche, weil ihre unterirdischen Gänge überflutet werden und der Sauerstoffgehalt im Boden sinkt. Der Name „Regenwurm“ geht wahrscheinlich nicht auf den Regen selbst zurück, sondern auf das althochdeutsche Wort „reger“, das so viel wie lebhaft oder beweglich bedeutet. Diese Bezeichnung passt gut zu dem auffälligen Schlängeln, das man beobachten kann, wenn ein Regenwurm in der Hand gehalten wird. Aus dem „regen“ oder „reger“ Wurm wurde im Laufe der Zeit der Regenwurm.


Überleben in Extremen – eine Form des Winterschlafs

In kalten oder sehr trockenen Perioden ziehen sich Regenwürmer in tiefere Bodenschichten zurück und fallen in eine Art Kältestarre. In dieser Zeit stellen sie ihre Nahrungsaufnahme weitgehend ein und können bis zur Hälfte ihres Körpergewichts verlieren. Dieser Zustand ermöglicht es ihnen, ungünstige Zeiten zu überstehen, setzt jedoch voraus, dass der Boden ungestört und tief genug ist.


Regenwürmer sind eine zentrale Nahrungsquelle für viele Tiere. Zahlreiche Vogelarten wie Stare, Drosseln, Krähen und Möwen sind auf sie angewiesen. Auch Maulwürfe, Igel, Mäuse, Marder, Kröten und Frösche fressen Regenwürmer. Selbst wirbellose Räuber wie Hundertfüßer, Ameisen und Laufkäfer zählen zu ihren Feinden. Gleichzeitig können Regenwürmer Parasiten oder deren Entwicklungsstadien in sich tragen, die über sie in andere Tiere gelangen. Das ist kein Makel, sondern Ausdruck ihrer ökologischen Rolle als Bindeglied im Stoffkreislauf.


Empfindlich, aber nicht gefährlich für den Menschen

Für Menschen ist der vorsichtige Kontakt mit Regenwürmern unbedenklich. Sie übertragen keine Krankheiten. Allerdings ist ihre Haut extrem empfindlich. Rückstände von Desinfektionsmitteln an den Händen oder Sonnencreme können sie schädigen. Wer einen Regenwurm vom Bordstein oder aus einer Pfütze rettet, sollte ihn behutsam anfassen und möglichst schnell in feuchte Erde setzen. Ist keine Erde in der Nähe, sollte er an einen feuchten oder schattigen Ort, etwa unter Laub, auf eine Wiese oder zu einer Pflanze gelegt werden. Ist der Boden sehr hart oder trocken, sollte die Stelle kurz gewässert werden, bevor der Wurm ausgesetzt wird, damit er leichter in die Erde gelangen kann. Selbst geschwächte Tiere haben dann oft noch eine Überlebenschance.


Kein Mythos: Geteilt bedeutet meist tot

Die Vorstellung, dass ein geteilter Regenwurm zu zwei neuen Würmern wird, ist ein Mythos. Nur der vordere Teil mit dem Kopfbereich kann unter Umständen überleben. Der hintere Teil stirbt ab. Verletzungen bedeuten für Regenwürmer meist den Tod, da sie zwar regenerationsfähig, aber keineswegs unverwundbar sind.


Regenwürmer besitzen keine Augen, nehmen Licht jedoch über spezielle Sinneszellen in ihrer Haut wahr. Sie haben kein einzelnes Herz, sondern mehrere pulsierende Gefäßabschnitte, die das Blut durch den Körper pumpen. Atmen können sie nur über ihre stets feuchte Haut. Trocknet diese aus, ersticken sie. Diese einfache, aber hoch spezialisierte Anatomie macht sie perfekt angepasst an ein Leben im Boden und gleichzeitig extrem empfindlich gegenüber Umweltgiften.


Der Mensch als größter Feind

Trotz ihrer zahlreichen natürlichen Feinde ist der größte Bedrohungsfaktor für Regenwürmer der Mensch. Naturschützer machen vor allem den Verlust und die Zerstörung ihres Lebensraums für ihren Rückgang verantwortlich. Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland täglich rund 80 Hektar unbebauter Boden in bebaute oder anderweitig genutzte Flächen umgewandelt. Versiegelte Böden sind für Regenwürmer praktisch unbewohnbar.


Regenwurm auf Schotter
Damit der Regenwurm nicht austrocknet, legt man ihn vorsichtig an einen feuchten oder schattigen Ort auf nicht zu harte Erde. Bild: Adobe Stock

Auch die intensive Landwirtschaft setzt ihnen massiv zu. Beim Pflügen werden Regenwürmer häufig zerschnitten. Düngung mit Gülle belastet sie zusätzlich, da der enthaltene Ammoniak ihre empfindliche Haut verätzt. Besonders gravierend wirkt der Einsatz von Pestiziden, Insektiziden und Herbiziden, darunter auch Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat, die das Bodenleben nachhaltig schädigen.


Ein stilles Artensterben unter der Oberfläche

Regenwürmer sind in Deutschland und weltweit zunehmend bedroht. Etwa ein Drittel bis zur Hälfte der 46 in Deutschland heimischen Arten steht bereits auf der Roten Liste. Intensive Landwirtschaft, Pestizide, Bodenverdichtung und der Klimawandel gelten als Hauptursachen. Ihr Verschwinden hätte weitreichende Folgen, da sie für Bodenbelüftung, Humusbildung und Nährstoffkreisläufe unverzichtbar sind.


Den Regenwurm zu schützen bedeutet, den Boden zu schützen und damit die Grundlage allen Lebens an Land. Er ist stark, anpassungsfähig und dennoch verletzlich. Ihn zu achten heißt, auch das Unsichtbare wertzuschätzen. Vielleicht beginnt echter Naturschutz genau dort, wo wir uns bücken, einen Regenwurm vom heißen Asphalt aufheben und ihn zurück in die Erde setzen, dorthin, wo er hingehört.

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