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Bleimunition – Wie Jagd Vögel vergiftet

Von Tierschutz Austria (gekürzt)

Hören - Mindestens 135 Millionen Vögel sind in der EU von einer Bleivergiftung bedroht [1], mindestens eine Million Wasservögel [2] und tausende Greifvögel sterben jährlich daran [3]. Blei ist ein giftiges Schwermetall, das früher noch bei der der Herstellung von Benzin, Farben und Spielzeug verwendet wurde. Aufgrund der Gefahren für die Gesundheit von Menschen und Umwelt wird Blei in diesen Bereichen heute nicht mehr verwendet. Allerdings findet es noch große Verwendung in Jagd- und Schießsportmunition sowie für Angelgeräte. Die ExpertInnen der ECHA (European Chemicals Agency) gehen davon aus, dass dadurch jährlich rund 44.000 Tonnen Blei allein in der EU in die Natur gelangen [1].


Wie kommt das Blei in den Vogel

Rund ein Drittel des jährlich in die Umwelt gelangten Bleis stammt dabei von der Jagd [1]. Besonders für kleinere Tiere werden häufig Schrotgewehre eingesetzt, wovon nur ein kleiner Teil der abgefeuerten Bleischrotkugeln sein Ziel trifft. Der Rest verbleibt in der Umwelt. Dort wird die Munition unter anderem von Wasservögeln gefressen, die die kleinen Kugeln mit Nahrung oder den Steinchen verwechseln, die sie normalerweise zur Zerkleinerung der Nahrung mit aufnehmen. Einmal geschluckt, gelangt das hochgiftige Schwermetall schnell in den Blutkreislauf der Vögel und sammelt sich dort bis zur Bleivergiftung. Krämpfe, Lähmungen, Flugunfähigkeit sowie Schäden des Nervensystems und der Organe sind die Folge und führen meist zum Tod der Tiere [4]. Beim Menschen geht man mittlerweile davon aus, dass es keine unbedenkliche Blei-Konzentration im Blut gibt. Bereits 3.5µg/dL können Verhaltensauffälligkeiten hervorrufen [5]. Für einen kleinen Wasservogel, reicht theoretisch die Aufnahme einer Schussladung Blei, um ihn tödlich zu vergiften.


Neben Wasservögeln laufen vor allem Raubvögel, wie der heimische Seeadler, Gefahr an einer Bleivergiftung zu verenden. Raubvögel und andere Aasfresser nehmen Blei überwiegend durch das Fressen kontaminierter Kadaver auf. Eine aktuelle Studie aus 2022 legt nahe, dass die Gesamtpopulation von zehn europäischen Raubvogelarten um mindestens sechs Prozent kleiner ist, als sie ohne Bleivergiftung wäre. Die Population von Seeadlern ist sogar um 14 Prozent verringert. Je langlebiger eine Spezies ist und je später im Leben sie sich fortpflanzt, umso stärker werden diese Arten von Blei bedroht [2].


Noch immer ist es üblich den sogenannten „Aufbruch“ eines erlegten Jagdwilds, also die noch vor Ort entnommenen inneren Organe, in denen häufig noch Reste der Munitionen stecken, im Jagdrevier zu belassen. Auch angeschossene und erst später verendete Jagdtiere tragen zum steigenden Bleigehalt in der Nahrung von Fleischfressern bei. Im Laufe ihrer Lebenszeit kann sich so eine große Menge Blei in ihren Köpern ansammeln, durch Nerven- und Organschädigungen ihr Jagdverhalten beeinflussen und schließlich direkt oder indirekt zu ihrem Tod führen [4]. Durch Blei verstorbene Tiere werden ebenfalls wieder von Aasfressern verzehrt, wodurch das Blei nicht nur in der Nahrungskette erhalten bleibt, sondern sich durch die stetige Zufuhr weiter akkumuliert [1, 4].


Blei im Wildbret – Auch der Mensch ist gefährdet

Doch bleihaltige Jagdmunition ist nicht nur eine leise Gefahr für unsere tierischen Mitlebewesen. Der Mensch nimmt Blei hauptsächlich über die Atemwege und die Verdauung auf. Beides wird durch Bleimunition ermöglicht. Zum einen sind JägerInnen und SportschützInnen beim Schießen Bleidämpfen und Bleistaub ausgesetzt [1], zum anderen kann das geschossene Wild und damit das zum Verzehr gedachte Wildbret selbst Bleirückstände enthalten. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass mit Bleimunition gejagtes Wild, immer noch kleine Bleifragmente enthält, selbst wenn das Fleisch um die Einschussstelle herum sorgfältig entfernt wurde [6]. Da eine Bleivergiftung unter anderem die körperliche und geistige Entwicklung von Lebewesen gefährdet, wird Schwangeren und Kleinkindern zum Beispiel von Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vom Verzehr von Wildfleisch, das mit Bleimunition gejagt wurde, abgeraten [8].


Was wird (nicht) getan:

Die Gefahr von Blei wird zunehmend erforscht und die empfohlenen Maximalwerte laufend herabgesetzt. Diese besorgniserregende Entwicklung veranlasste auch die EU dazu, zu handeln. Bis 2023 muss demnach EU-weit ein Bleiverbot in Feuchtgebieten beziehungsweise in Schutzgebieten von allen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden [1]. Dass es auch ohne Bleimunition geht, beweisen die Niederlande und Dänemark. In beiden Ländern ist der Einsatz von Bleischrot seit den 1990ern verboten [3]. Ab 2024 müssen in Dänemark nun auch die übrigen Munitionstypen bleifrei sein.

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[2] Mateo, Rafael & Toledo, Ronda. (2009). Lead Poisoning in Wild Birds in Europe and the Regulations Adopted by Different Countries. Ingestion of Lead from Spent Ammunition: Implications for Wildlife and Humans. 10.4080/ilsa.2009.0107.

[3] Green RE, Pain DJ, Krone O. The impact of lead poisoning from ammunition sources on raptor populations in Europe. Sci Total Environ. 2022 Jun 1;823:154017. doi: 10.1016/j.scitotenv.2022.154017. Epub 2022 Mar 16. PMID: 35305837.

[4] Der Standard. Simoner M. Blei aus Jagdmunition vergiftet immer mehr Vögel. 10.03.2022. (aufgerufen: 10.2022)

[5] US CDC Advisory Committee on Childhood Lead Poisoning Prevention. CDC updates blood lead reference value to 3.5µg/dL. Atlanta: US Centres for Disease Control and Prevention; 2021 (aufgerufen: 10.2022)

[6] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Forschungsprojekt „Lebensmittelsicherheit von jagdlich gewonnenem Wildbret“. 12.2014. (aufgerufen: 10.2022)

[7] ORF.at. EU verbietet Bleimunition in Feuchtgebieten. 25.11.2022.(aufgerufen: 10.2022)

[8] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Fragen und Antworten zum Verzehr von Wild, das mit bleihaltiger Munition geschossen wurde 9.2011. (aufgerufen 10.2022).


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