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  • Dr. Silke Sorge

Wildvögel: Opfer der in der Geflügelwirtschaft generierten Vogelgrippe

Hören - Während normalerweise mit den wärmeren Temperaturen des Frühjahrs die Vogelgrippeausbrüche zum Erliegen kamen, so währt der aktuelle – wahrhaft seuchenhafte – Ausbruch der Vogelgrippe tatsächlich bereits seit anderthalb Jahren.


Den Anfang machte im Winter 2021/22 die Nonnengans mit 20.000 Opfern in Europa. Als die Situation sich erfahrungsgemäß im Frühjahr hätte beruhigen sollen, ging die HPAI (= Hochpathogene Aviäre Influenza = hochansteckende Vogelgrippe / Geflügelpest) im vergangenen Jahr zur Brutzeit erst richtig los. Neben Gänsevögeln einschließlich Schwänen und Enten war beinahe jede koloniebrütende Vogelart betroffen, darunter Graureiher, Kormorane, Löffler und insbesondere Möwen und Seeschwalben. Neben der Flussseeschwalbe traf es die Brandseeschwalbe knallhart.


Zahlreiche Möwenkolonien, besonders der Lachmöwe, waren statt lärmerfüllt mit Leichen gepflastert. In der einzigen Basstölpelkolonie Deutschlands auf Helgoland starben während der vergangenen Brutsaison 50 Prozent der Altvögel und 90 Prozent der Jungvögel. Niemand weiß, wie es weitergehen kann.


Inzwischen sind vermehrt auch Greifvögel betroffen - womöglich nachdem sie infizierte Vögel gefressen haben – außerdem wurden Eulen, Störche, Sturmvögel, Blässrallen und Regenpfeifer(artige), darunter Waldschnepfen und Austernfischer, positiv getestet. Singvögel gelten bisher noch als ungefährdet. Doch vielleicht werden wir bald eines Besseren belehrt, nachdem auch zahlreiche Krähenvögel – die ebenfalls Singvögel sind – verendet sind.

Wildgänse im Abendlicht
Vogelgrippe: Täter ist die Geflügelwirtschaft - Opfer sind Wildvögel und inzwischen auch Säugetiere. Bild: Eilert Voß

Längst ist Vogelgrippe keine Vogelkrankheit mehr, sondern schon auf ganz andere Tiergruppen übergesprungen: Füchse, Marder, Bären und Robben sind weltweit bereits an Vogelgrippe gestorben; sogar Tiger in einem Zoo nach dem Genuss infizierter Vögel.


Immer wieder bekommen wir zu hören, dass Vogelgrippe bei Wasservögeln, speziell Gänsen und Enten, weit verbreitet ist und über diese weiter und weltweit verbreitet wird. Darin befindet sich aber nur wenig Wahrheit. Denn man muss – auch wenn das kaum jemand macht – zwischen hochpathogener aviärer Influenza (HPAI) und niedrigpathogener (NPAI) unterscheiden. Letztere hat eine Verbreitung in der Vogelwelt; ist aber nur äußerst selten gefährlich für Vögel und nie für Menschen. Die hochansteckende Variante (HPAI) dagegen ist auf die Geflügelzucht zurückzuführen.


In den letzten 20 Jahren mutierten NPAI-Viren vor allem in Südostasien zu den HPAI-Varianten, die jetzt die bekannten weltweiten Probleme verursachen. Einer der Gründe für die Ausbreitung vor Ort waren Impfungen von Geflügelbeständen. Gegen Vogelgrippe geimpftes Geflügel wird selbst nicht krank, produziert aber (in geringem Maße) Viren und scheidet diese aus. Unter diesen Bedingungen konnten in geimpften Vögeln mehrere Vogelgrippeviren aufeinandertreffen und zu einem "Supervirus" mutieren. Durch den innerasiatischen Handel mit geimpften Vögeln wurden auch die Superviren immer weiterverbreitet. In Europa sind Impfungen gegen Vogelgrippe aus diesem Grund bisher verboten.


Doch auch ohne Impfungen können sich in engen Massentierhaltungen verschiedene Vogelgrippeviren begegnen und vermischen, wenn Vögel aus verschiedenen Haltungen zusammengeführt werden. Besonders wenn Entenbestände betroffen sind, werden Vogelgrippeerreger leicht in andere Haltungen verbreitet, da bei Enten die Krankheitssymptome erst nach mehreren Wochen ausbrechen.


Auf jeden Fall muss man festhalten, dass an der Entstehung der hochpathogenen Vogelgrippe (HPAI) Prozesse beteiligt waren, die unter natürlichen Bedingungen nicht vorkommen. Würde ein solcher Virus im Freiland entstehen, würde er die betroffenen Vögel so schnell töten, dass eine Weiterverbreitung nicht möglich ist.


Doch nach der Haupttheorie des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) findet genau das statt; demnach erfolgte der Haupteintrag der Viren von Südostasien nach Europa über Zugvögel. Es braucht schon einen gewaltigen Spagat, um einen solchen Zugweg zu konstruieren, und infizierte Vögel, die gesund genug sind, diesen zu überstehen. Nachdem das unabhängige Wissenschaftsforum Aviäre Influenza wiederholt nachweisen konnte, dass neue Virusvarianten der HPAI stets wenige Wochen nach der Entdeckung in Südostasien auch in Europa ankamen, musste das FLI eine "Rolle" des Geflügelhandels einräumen.


Und doch hat das FLI in den letzten 20 Jahren Geld und Energie darauf verschwendet, Beweise für die Wildvogelthese zu finden, anstatt effektive Strategien zu entwickeln, wie Wildvögel oder auch nur die Geflügelindustrie effektiv vor HPAI geschützt werden können. Stattdessen wurden Freiland-Geflügelhalter mit immer wieder angeordneten Stallpflichten in den Konkurs gemobbt. Private Geflügelzüchter taten bei verordneter Stallpflicht genau das, was man nicht tun sollte: sie reicherten unsere Natur mit Exoten an.


Hunderttausende Enten und Gänse mussten ihr Leben lassen bei dem Versuch, HPAI in freilebenden, gesund wirkenden Wasservögeln nachzuweisen. Ein überzeugender Beweis wurde jahrelang nicht gefunden. Zum einen lässt dieses "Monitoring per Abschuss" keine Aussage über den Gesundheitszustand der Wildvögel zu, zum anderen konnte nur eine Handvoll Einzelnachweise jeweils in unmittelbarer Umgebung zu Ausbrüchen in der Geflügelindustrie erbracht werden.


Nun wird der Beweis, dass Wildvögel die Opfer der industriell generierten HPAI sind und nicht die Täter, sehr schmerzlich erbracht. Wäre HPAI natürlich entstanden oder verbreitet worden, dann hätten wir die Ausbruchs- und Sterbewellen, die wir seit anderthalb Jahren erleben dürfen, viel früher gehabt, nämlich lange bevor es Fälle in Geflügelmastanlagen gegeben hätte.


Dabei erhielten wir bereits 2007 eine deutliche Warnung, wie sich HPAI auswirken kann, wenn sie ins Freiland gelangt. Damals starben 246 von rund 450 Schwarzhalstauchern, die zur Mauser den Helmestausee an der Grenze von Thüringen und Sachsen-Anhalt aufgesucht hatten. Man hat es versäumt, der Ursache auf den Grund zu gehen. Der Eintrag der Vogelgrippe könnte z. B. über ausgesetzte Fische erfolgt sein, die zuvor mit Futtermitteln aus Geflügelabfällen gefüttert wurden.


Der Umstand, dass es absolut üblich ist, Einstreu inklusive Kadaver aus Geflügelställen (wie auch aus anderen Mastanlagen) als "Dünger" auf Äckern zu entsorgen, könnte eine Erklärung sein, warum bei Gänsen – die gern auf Äckern nach Nahrung suchen – besonders häufig Vogelgrippeviren nachweisbar sind.


Interessanterweise hat eine niederländische Forschungsgruppe festgestellt, dass Gänse und Enten, die Mitteleuropa aus arktischen Gefilden zur Überwinterung aufsuchen, empfindlich selbst auf niedrigpathogene Vogelgrippeviren reagieren. Das legt den Verdacht nahe, dass selbst niedrigpathogene Vogelgrippe (NPAI) unter natürlichen Bedingungen keineswegs so verbreitet ist, wie wir heute annehmen, sonst müssten diese Arten Erfahrungen damit haben.


Das oben erwähnte Abschuss-Monitoring hat gezeigt, dass NPAI seine weitaus häufigste Verbreitung in Stockentenbeständen hat. Dazu muss man wissen, dass es in vielen Ländern – und beinahe allen unseren Nachbarländern – üblich ist, Stockenten in großem Stil zu züchten und dann zur Anreicherung der Jagdstrecke in die freie Wildbahn auszusetzen. Vor diesem Hintergrund ist jedenfalls zu hinterfragen, ob selbst die eingangs erwähnte weite Verbreitung der NPAI in Wildvogelbeständen ein natürlicher Zustand ist oder durch die Geflügelzucht herbeigeführt wurde.

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Weiterführende Literatur:

Steiof, K., J. Mooij & P. Petermann 2015: Die "Wildvogelthese" zum Auftreten hoch pathogener Vogelgrippeviren - aktueller Stand und kritische Prüfung der Position des Friedrich-Loeffler-Instituts (Stand: Juni 2015). Vogelwelt 135: 131±145


Aktuelle Informationen zum Vogelgrippegeschehen im Tierseucheninformationssystem


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