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  • Dr. Martin Steverding

Der Biber von Borken (NRW)

Teil 2: Die Reise des Bibers


Hören - Im ersten Teil berichteten wir über einen Biber, der seit 2009 an der Bocholter Aa im Kreis Borken (Nordrhein-Westfalen) lebt. Sein Revier liegt im einzigen guten und naturnahen Lebensraum an dem ansonsten völlig begradigten Fluss. Vermutlich hat es nach wie vor nur dieser eine Biber geschafft, diesen Lebensraum zu erreichen und führt dort seit 14 Jahren ein einsames Leben. Biber sind eigentlich sehr soziale Tiere, die in Familienclans leben, häufig Körperkontakt haben und oft miteinander spielen.


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von links oben nach rechts unten: (1) Umgehungsgerinne am neuen Wehr an der Eisenhütte | (2) Bocholter Aa von Spundwänden eingefasst | (3) Für den Biber nicht passierbar: Fischtreppe am Aasee | (4) Eine unauffällige Knüppelburg: Das Zuhause des einsamen Bibers in Bocholt - Bild: Dr. M. Steverding


Wie ist der Biber dort hingekommen und warum schafft es offensichtlich bislang kein Zweiter? Im ersten Teil ist beschrieben, dass der einzig plausible Weg für den guten Schwimmer, aber schlechten Läufer, der Weg durchs Wasser gewesen sein muss. Er ist mit einiger Sicherheit von der niederländischen Ijssel kommend in den Seitenfluss Oude Ijssel und dann wiederum in den Seitenfluss Aastrang abgebogen. Dieser wird nach einigen Kilometern für ein kurzes Stück zum Grenzfluss und heißt dann weiter flussaufwärts in Deutschland Bocholter Aa. Sie ist völlig begradigt und über längere Strecken steht kein einziger Baum am Ufer. Ein Biber, der sich hierher verirrt, dürfte meistens nach einigen Kilometern kehrt machen. Aber zumindest dieser eine Biber ist weitergeschwommen. Er hatte sicher nicht geahnt, welche Strapazen noch vor ihm lagen:


Das Wehr an der Eisenhütte, rund 2,5 Flusskilometer vor der Stadt Bocholt, musste er zu Fuß umgehen. Er musste aus dem Wasser steigen und die Liederner Ringstraße überqueren, um dann seinen Weg oberhalb davon schwimmend fortzusetzen. Zwischen 2014 und 2017 wurde etwa 200 m flussaufwärts ein neues Wehr mit Umgehungsgerinne gebaut und danach das alte Wehr abgerissen. Für Biber und andere Tiere ist der Aufstieg an dieser Stelle also inzwischen einfacher geworden (1).



In der Stadt Bocholt drang der Biber in eine für ihn neue beleuchtete und laute Welt vor, die auf ihn bedrohlich gewirkt haben muss. Wir können davon ausgehen, dass er überwiegend oder ausschließlich während der Nacht gereist ist und sich tagsüber irgendwo am Ufer versteckt hat. Nach gut 800 Metern Weg durch die ungewohnte Umgebung aus Lärm und Lichtern sah der Biber die nächste Barriere vor sich: Die Stauanlage Schwanenmühle. Die Fallhöhe des Wassers war zwar nur rund 50 cm, aber für den Biber auf dem Wasserweg unüberwindbar. Er musste aussteigen und das Wehr zu Fuß umgehen, dazu musste er die Sicherheit des Wassers in dieser neuen Umgebung kurzzeitig verlassen. Heute ist auch diese Stelle etwas durchlässiger geworden, das Wehr wurde 2011 durch die Sohlgleite Schwanenmühle ersetzt.


In Richtung Innenstadt wurden Lärm und Lichter immer intensiver. Die Ufer bestanden streckenweise aus senkrechten Spundwänden (2). Es gab kaum einen Ort zum Verschnaufen, der Biber musste schwimmen und schwimmen. Nach einem weiteren Kilometer passierte er das Wehr am Mariengymnasium. Es war zum Glück offen und er konnte einfach hindurch. Wäre es geschlossen gewesen, hätte seine Reise hier geendet. Er hätte hier wegen der gemauerten Ufer und Spundwände nicht aussteigen können, sondern wäre gezwungen gewesen, weit zurückzuschwimmen und dann ein langes Stück auf dem Landweg über eine der am stärksten befahrenen Straßen der Stadt zu gehen – für einen Biber unmöglich.


Nach weiteren anstrengenden 1,7 km durch die Stadt, teilweise wieder zwischen senkrechten Spundwänden hindurch, erreichte er schließlich das Ende der geschlossenen Bebauung. Der Abzweig zum Bocholter Aasee an der Königsmühle ist für einen Biber nicht passierbar, so ließ der diesen gezwungenermaßen links liegen und schwamm weiter. Weitere 1,3 km später musste er die nächste Barriere überwinden. Das Wehr oberhalb des Aasees hat zwar eine Aufstiegsanlage für Fische, diese ist aber für einen Biber nicht passierbar (3). Der kurze Fußweg um das außerhalb der Stadt liegende Wehr dürfte aber gemessen an den bereits überstandenen Strapazen ein Leichtes gewesen sein.


Nun folgten weitgehend störungsfreie 4 ½ Kilometer, allerdings durch einen monotonen begradigten Flusslauf in höchst intensiv genutzter Agrarlandschaft. Der Biber konnte hier aber sicherlich ein wenig Ufervegetation als Nahrung und Tagesversteck finden und sich etwas von der schwierigen Passage durch die Stadt Bocholt erholen.


Die letzte Barriere war das Wehr in Rhede-Krechting. Die dortige Fischtreppe konnte er schwimmend und laufend passieren oder auf dem Gras neben ihr herzulaufen. Weiter oberhalb fand der Biber immer wieder kleine Ufergehölze vor und konnte ziemlich ungestört seinen Weg fortsetzen, bis er nach weiteren gut sieben Kilometern endlich einen wirklich guten Lebensraum erreichte. Reichlich Ufergehölz und im Rahmen von Renaturierungsmaßnahmen geschaffene Nebenarme boten dem Biber eine neue Heimat und er ließ sich hier endgültig nieder – bis heute (4). Er oder sie (wir kennen sein Geschlecht nicht) wartet seit 14 Jahren auf Gesellschaft – einsam, weil bislang kein zweiter Biber die strapaziöse Reise durch den begradigten, verbauten und geschundenen Fluss geschafft hat.


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