Die große Ungewissheit: 400 Mehlschwalbennester am KKW Biblis zerstört | Schwalbentürme unangemessen
- Lovis Kauertz
- vor 13 Stunden
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Im südlichen oder zentralen Afrika sammeln sich seit einigen Tagen die Mehlschwalben, um in den nächsten Tagen und Wochen gemeinsam die 4.000 bis 10.000 Kilometer lange Reise nach Biblis, dem Standort des RWE-Kernkraftwerks in Südhessen, anzutreten. Sie überqueren die Sahara, das Mittelmeer und die Alpen. Schlechtwetterfronten können die zwei bis vier Wochen lange Reise der Mehlschwalben verzögern.

Erst vor zwei Monaten wurden wir durch eine Vogelschützerin vor Ort darauf aufmerksam, dass den Mehlschwalben in Biblis Ungemach droht: Am 11. Dezember wurde der dritte Kühlturm des im Rückbau befindlichen Kernkraftwerks umgelegt, der letzte sollte mit Ankündigung im Januar abgerissen werden. Das geschah in Reaktion auf die Ankündigung unserer Rettungsaktion für die Tiere dann bereits am 16. Januar. Unser erfolgreicher Widerspruch gegen die Abbruchgenehmigung hatte die Abbruchaktivitäten letztlich beschleunigt. RWE hat Fakten geschaffen – gegen den Erhalt der Mehlschwalbenkolonie.
Mit den Kühltürmen hat der Energiekonzern RWE die ehemals 400 Schwalbennester, die von den Schwalben in 80 m Höhe dort angebracht wurden, zerstört. RWE ist damit der Verpflichtung entgangen, sich weitere Jahre um den Erhalt der einst größten Mehlschwalbenkolonie Hessens zu bemühen. Sprecher der RWE berufen sich darauf, die seitens der Bauaufsicht vorgegebenen Maßnahmen umgesetzt zu haben.
Als Maßnahme gab sich die Untere Naturschutzbehörde mit dem Aufstellen von acht Schwalbentürmen (Masten mit einem darauf angebrachten Mehlschwalbenhaus mit jeweils 56 Nestern) und einem jährlichen Monitoring zufrieden.
Wir konsultierten Mehlschwalben-Experten, studierten die zu Mehlschwalben vorhandene Literatur und kamen recht schnell zu dem Ergebnis, dass Schwalbentürme als Ersatzmaßnahme für Mehlschwalben im Außenbereich nicht funktionieren können (vgl. unter [1] verlinktes Dokument):
Innerorts funktionieren Schwalbentürme nur in etwa der Hälfte der Fälle.
Außerorts gibt es keine Studien zur Wirksamkeit von Schwalbentürmen. Ein Fachartikel weist sogar darauf hin, dass die Türme außerhalb von Ortschaften nicht funktionieren. Mehlschwalben sind Felsenbrüter, die es gewohnt sind, ihre Nester in Ortschaften an Häuserwänden zu bauen.
Behördenintern und seitens des Umweltministerium wird darauf hingewiesen, dass Schwalbentürme wahrscheinlich nicht zielführend sind.
In den heißen Sommern wird es in den vor Hitze ungeschützten Nestern so heiß, dass der Schwalbennachwuchs sich ins Freie „rettet“ und von Fressfeinden am Boden erbeutet wird. Die von RWE außerhalb des Betriebsgeländes in freier Natur aufgestellten Schwalbentürme erweisen sich als Todesfallen.
Auch die adulten Tiere sind durch den nahegelegenen Baumbestand leichte Opfer z.B. von Greifvögeln.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der nicht für die Schwalbentürme spricht, ist der enorme Höhenunterschied zwischen Kühlturm und Schwalbenturm. Der liegt bei etwa 70 m. Gemäß einer aktuellen Studie ist der enorme Höhenunterschied ein Ausschlusskriterium für die Akzeptanz der sehr niedrig gelegenen Nester im Schwalbenturm.

Mit diesen Erkenntnissen und einem ausformulierten Lösungsvorschlag für die Bereitstellung von Schwalbennestern an den höchsten Gebäuden des KKW-Betriebsgeländes haben wir versucht den zuständigen Kreis Bergstraße zu überzeugen. [1] Wir hätten erwartet, dass der Kreis von seiner Möglichkeit, weitere Maßnahmen mit RWE abzustimmen, Gebrauch gemacht hätte. Das ist – möglicherweise aus politischen Gründen – nicht geschehen.
Nach unseren Recherchen hätte die Bauaufsicht in der Kreisstadt Heppenheim eine Abbruchgenehmigung überhaupt nicht erteilen dürfen, bevor nicht die bereitgestellten Maßnahmen auch sicher von den Mehlschwalben akzeptiert wurden. Dadurch setzt sich der Kreis nun dem Risiko aus, durch die Erlöschung der Mehlschwalbenkolonie einen Umweltschaden verursacht zu haben.
Gemeinsam mit unseren Mitstreitern, der klageberechtigen Naturschutzorganisation MUNA und dem BUND Bergstraße, wollen wir – wenn es nicht schnell zu einer gemeinsamen Lösungsfindung kommt – mit unserem Antrag auf Einschreiten an die untere Naturschutzbehörde (Frist 23. Februar) das Schlimmste abwenden. Die ersten Mehlschwalben werden schon Mitte März in Biblis erwartet.
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Zum Thema: Mehlschwalben - wie geht es den Sommerboten?
Januar 11 - Mehlschwalben retten - offener Brief an RWE
Januar 15 - Mehlschwalben Biblis: Gefahr in Verzug
Februar 08 Was die Behörden schon gewusst haben








