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  • Jürgen Heimann

Henry(ette) von Eschenburg - ein Eichelhäher am Frühstückstisch

Keine Ahnung, wo er herkam. Plötzlich war das kleine Kerlchen da. Angeschleppt und abgeschleppt von einer meiner Töchter. Und wir alle haben uns sofort unsterblich in diesen kleinen schrägen Vogel verliebt. Als wir ihn später „entsorgen“, also auswildern mussten, hat es mir fast die Seele zerrissen. Und die meines Vaters auch. Grund für die Trennung war, dass der Federling mit dem blau schillernden Flügelfeld Allergene emittiert habe, die nicht allen Familienmitgliedern gesundheitlich zuträglich gewesen sein sollen. Ich habe dieses Argument damals schon nicht verstanden. Und tue es bis heute nicht. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Als „Henry“, wie wir dieses kleine faszinierende Wesen getauft hatten, sich erstmals angstvoll in der hohlen Hand meiner kleinen Tochter räkelte und aufplusterte, ahnten wir alle nicht, welche Bereicherung dies in Folge für unser aller Leben haben sollte. Vielleicht war es ja auch eine „Henriette“. Das Geschlecht dieses Piepmatzes zu bestimmen, dafür fehlte uns die Sachkenntnis. War aber eigentlich auch völlig egal und nicht so wichtig.


Anfänglich nächtigte der (damals noch scheue) Gast im in der unterkellerten Doppelgarage eingerichteten Hühnerkeller. Erwarb sich aber später das Privileg, näher an seine Gastgeber heran zu rücken. Dies, nachdem alle Versuche, den Vogel wieder aus zu wildern, kläglich gescheitert waren. Er pflegte im Kirschbaum vor unserem Balkon zu nächtigen. Um, sobald in der Küche frühmorgens das Licht anging, energisch mit dem Schnabel an die Fensterscheibe zu klopfen. Die unausgesprochene Frage/Forderung lautete dann regelmäßig: „Wo bleibt mein Frühstück?“


Auch ein Vogel wie er musste schließlich sehen, wo er bleibt. Und so hatte „Henry“ im Dorf natürlich mehrere feste Anlauf- bzw. Anflugstellen, bei denen er sicher sein konnte, das ein oder andere Leckerli abzubekommen. Morgens gegen sieben Uhr eskortierte er seine Ziehmutter auf dem Weg zur Bushaltestelle am Köppel. Während das Mädel mit dem Bus Richtung Schule fuhr, klapperte der schräge Vogel seine sattsam bekannten Adressen ab. Und wurde dabei (fast) nie enttäuscht. Hier ein Stück Zucker, dort eine Marzipanpraline. Da ein Semmelbrösel, dort eine Apfelschnitte. So kommt man gut durch den Tag.


Daheim, also bei uns zu Hause, hatte der Vogel sowieso Standortvorteil. An schönen sommerlichen Tagen pflegten meine Eltern immer draußen im Freien auf ihrer Terrasse zu Mittag zu essen. Sie waren dabei nie unter sich. Als (dritter) Gast saß „Henry“ immer mit am Tisch. Und forderte seinen Anteil. An schwülen Sommerabenden, wenn ich in meinem Studio unterm Dach bei geöffnetem Fenster versuchte Gitarre zu spielen, dauerte es nicht lange, bis er vorbei kam. Er landete dann auf meiner Schulter, um mir durch sein protestierendes Gekrächze zu verstehen zu geben, das von mir erzeugte Gejaule wäre doch alles für die Füße. Wie habe ich diese Momente genossen...! Davon zehre ich bis heute.


Die Gefahr, dass der zutrauliche Vogel irgendwann einmal an den/die Falsche(n) geraten könnte, war allerdings latent. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn ihm, wie aus dem Nichts kommend, plötzlich ein großer Vogel auf der Schulter landet und ihm/ihr das Ohrläppchen anknabbert. Und genau das pflegte „Henry“ in der Regel zu tun. Da haut man/frau schon mal im Reflex zu. Aus Angst, dass diesem liebgewonnen Burschen eben diese Gewohnheit irgendwann einmal zum Verhängnis werden könnte, hatten wir Kontakt mit einer Auswilderungsstation im Marburger Land aufgenommen. Die Dame dort erklärte sich auch sofort bereit, das vermenschlichte Tier wieder nachhaltig auf ein naturbelassenes Leben in freier Wildbahn vorzubereiten. Nur ging dieses Vorhaben offenbar ziemlich schief.


Wochen später konnte man einer Notiz im „Hinterländer Anzeiger“ entnehmen, dass ein krasser Vogel im kleinen Gladenbacher Ortsteil Sinkershausen die Öffentlichkeit aufmischen würde. Der kuriose Piepmatz würde, so stand es geschrieben, unaufgefordert durch offenstehende Fenster in die Häuser eindringen und nach Futter verlangen. Hallo? Das konnte eigentlich nur einer sein: Unser „Henry“.


Ein Besuch vor Ort sollte das bestätigen. Hoch am Himmel zog ein flatterndes Etwas seine Bahn. Auf Zuruf änderte dieses seinen Kurs, um nach einem steilen Sturzflug zu Füßen des Rufenden zu landen. Schließlich warteten da ein paar Erdnüsse als Belohnung. Und danach stellte sich natürlich zwangsläufig die Frage erneut, wie man diesen verrückten Vogel künftig vor Unheil bewahren könne. Glücklicherweise gab es da einen ornithologischen Freak im Gießener Land, der sein gesamtes Grundstück mit Volieren zugepflastert und sich auf genau solche Extremfälle spezialisiert hatte. Zufälligerweise hatte dieser Experte auch schon einen handzahmen Eichelhäher im Portfolio. Da hatten sich jetzt zwei gesucht und gefunden. Ende gut, alles gut. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. … Dennoch: Immer dann, wenn ich an diesen Vogel zurückdenke oder ich einen solchen vorüberfliegen sehe, übermannen (oder überfrauen) mich die Gefühle und die Emotionen. In dieser Hinsicht habe ich wohl ziemlich dicht ans Wasser gebaut. Aber dafür muss sich unsereins ja auch nicht schämen. Ich stehe jedenfalls dazu.

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Dieser Beitrag stammt von Jürgen Heimann aus dem hessischen Eschenburg. Er betreibt den Blog rotorman.de und veröffentlicht in Kürze das Buch "Man kann das ja auch mal so sehen".

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