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  • Dr. Martin Steverding

Todeszone – Blick hinter die Kulissen der Jagd in einer Niederwildregion

Hören - Die Landschaft ist reich strukturiert, kleinräumig gekammert und parkartig. Viele kleine Wäldchen, Feldgehölze, Hecken und die verstreut liegenden Höfe gestalten die Gegend rund um die Kleinstadt Rhede (Kreis Borken, NRW) recht abwechslungsreich. Die Landwirtschaft ist dennoch sehr intensiv, es wird viel Mais für die großen Zucht- und Mastbetriebe und für die Biogasproduktion angebaut.


Dass die Jagd hier eine große Rolle spielt, erkennt jedermann sofort. Sobald man das direkte Umfeld der Stadt verlassen hat, kann man kaum in die Landschaft schauen, ohne mindestens einen Hochsitz zu sehen. Damit aber noch längst nicht genug – auf dem zweiten Blick werden noch viel mehr Dinge offenbar. Wer genauer hinschaut, wird überall auf Futterstellen für Fasane treffen – hier züchten die Jäger ihr Jagdwild unter freiem Himmel heran: Freilassen, fettfüttern, abschießen.


Die ausgesetzten Fasane und die Jäger haben einen gemeinsamen Feind, den Fuchs. Für die gezüchteten Hühnervögel, die kein natürliches Feindvermeidungsverhalten entwickelt haben, ist jeder Beutegreifer eine Gefahr. Die Jäger möchten die Fasane (und anderes Niederwild) selbst erlegen und nicht den Füchsen überlassen – Konkurrenten müssen also sterben. Mit welcher Vehemenz den Füchsen hier nachgestellt wird, offenbart sich erst bei sehr genauem Hinsehen:

Betonröhrenfallen für Füchse
In Betonröhrenfallen fängt man vor allen Dingen Füchse

Füchse gehen am liebsten entlang von Waldrändern, Hecken und vergleichbaren Strukturen. Dort wo Feld auf Wald oder Gebüsch trifft, gibt es die meisten Mäuse – und dort stehen die Fallen. Sie sind in aller Regel leicht erreichbar, nie weit weg von Straßen und Wegen, aber meist nicht auf dem ersten Blick sichtbar, optisch abgeschirmt von Büschen, z.B. hinter einer Heckenbiegung. In NRW ist nur Lebendfang erlaubt, aber lebend verlässt der Fuchs die Falle höchstens noch in Richtung Abfangkorb, um darin erschossen zu werden. Über 20 Fuchsfallen fanden wir bislang auf den knapp 80 km² Rheder Stadtgebiet – mit Sicherheit kennen wir bei weitem nicht alle. Es überwiegen Betonrohrfallen verschiedener Ausführungen, aber auch Kofferfallen, Betonkasten- und Holzkastenfallen, sowie verschiedene Eigenbaumodelle konnten wir entdecken.


Damit immer noch nicht genug: Unauffälliger als die Fallen sind die Luderplätze, wo Füchse mit zumeist halb eingegrabenen jagdlichen Überresten vor den Hochsitz und damit vor das Gewehr gelockt werden. Zehn Luderplätze haben wir gefunden, zwei davon auf Misthaufen. Liegt ein solcher Haufen irgendwo in der freien Landschaft, dann lohnt sich ein genauerer Blick. Steht ein Hochsitz in Schussweite? Liegen Jagdüberreste auf dem Misthaufen? Letztere können auch eingegraben und somit nicht sichtbar sein, der Fuchs mit seiner feinen Nase findet sie dennoch. Sicherlich kennen wir nicht annähernd alle Luderplätze.


Damit aber immer noch nicht genug: Wir fanden auch Kunstbaue. Diese künstlichen Baue aus einem Betonröhrensystem dienen ebenfalls ausschließlich der Tötung von Füchsen. Sie werden bei der Baujagd von einem Hund hinaus- und den wartenden Jägern vor die Flinten getrieben. Bei dieser besonders grausamen und auch für den Hund sehr gefährlichen Form der Jagd werden viele der flüchtenden Füchse nicht richtig getroffen (s. Fox et al. 2005) und gehen qualvoll zugrunde.


Trainiert werden die Hunde für die Baujagd am lebenden Fuchs in Schliefenanlagen – auch eine solche Anlage befindet sich in Rhede und wird seit mindestens etwa 50 Jahren betrieben. Aber auch damit noch nicht genug: Wir kennen einige Fuchsbaue, an mindestens zwei von ihnen wiesen die Spuren im vergangenen Jahr darauf hin, dass die Welpen von Jägern getötet wurden. Im Alter von wenigen Wochen müssen bereits unzählige junge Füchse sinnlos sterben – nach Jagdgesetz ist das legal.


Viele weitere Füchse lassen bei den zahlreichen Treibjagden im Herbst und Winter und bei der Lock- bzw. Reizjagd ihr Leben. Die Jahres-Fuchsstrecke 2020/21 im Kreis Borken gibt die Kreisjägerschaft mit knapp 1.800 an.


Schauen Sie einmal in Ihrer Heimat genauer hinter die Kulissen, sehr wahrscheinlich stoßen Sie vielerorts auf ganz ähnliche Funde. Oft sind es unscheinbare Einfahrten, Sackgassen, Seitenwege, die direkt zu den Fallen, Luderplätzen und anderen Dingen führen. Nicht selten versucht man unerwünschte Besucher solcher „jagdlichen Einrichtungen“ durch das Schild „Wildruhezone“ fernzuhalten.


Die meisten befragten Bewohner von Rhede gaben an, entweder noch nie oder nur vor sehr langer Zeit einen Fuchs gesehen zu haben. Ich bin als Eulenkenner sehr häufig im Winter in der Dämmerung unterwegs und höre so gut wie nie Ranzbellen von Füchsen. Selbst mit der Wärmebildkamera bekomme ich nur selten Füchse zu Gesicht und nur sehr selten rieche ich ihre Reviermarkierungen. Ich sehe, höre und rieche Füchse praktisch nur dann, wenn ich weit genug von Rhede wegfahre.


Etwa 80 Prozent der Füchse müsste man alljährlich töten, damit sie die Verluste nicht mehr durch mehr Geburten ausgleichen können (vgl. Kimmig 2021) – dies scheint den Jägern in Rhede zu gelingen. Die Füchse, die es schaffen dieser Vernichtung zu entkommen, sind extrem scheu und vollständig nachtaktiv. Sie leben ein Leben unter permanenter Angst, immer auf der Hut, immer auf der Flucht, immer im Angesicht des Todes – sie leben in der Todeszone.



Quellenangaben:

  • Fox, N.C., N. Blay, A. G. Greenwood, D. Wise, E. Potapov (2005): Wounding Rates in Shooting Foxes (Vulpes vulpes). Animal welfare (South Mimms, England) 14 (2): 93-102.

  • Kreisjägerschaft Borken e. V. (2022): Jahresbericht 2021

  • Dag Frommhold & Daniel Peller (2022): Die Weisheit der Füchse

  • Sophia Kimmig (2021): Von Füchsen und Menschen

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