Kiebitzschutz am Schmiechener See oder wie man ein komplexes Problem auf die Fuchsjagd reduziert (Teil 1)
- Karin Oswald
- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Der Schmiechener See im Urdonautal auf der Schwäbischen Alb ist ein Flachwassersee ohne eigenen Abfluss, der einzige Zufluss ist der Siegenbach. Der See ist von jeher sehr witterungsabhängig, die Wasserstände schwanken stark: Durch den fehlenden Abfluss und die geringe Tiefe dehnt sich der See bei starken Regenfällen schnell aus und überflutet das Gebiet weiträumig, während längere Trockenheit regelmäßig dazu führt, dass der See fast austrocknet und nur noch vereinzelt kleine Wasserstellen zu finden sind. Zudem besteht das Problem der zunehmenden Verlandung, Weiden und Büsche breiten sich aus, Nährstoffeinträge aus der umliegenden Landwirtschaft befördern das in diesem Fall unerwünschte Pflanzenwachstum zusätzlich.
Trotz der genannten Probleme ist das Gebiet für viele Arten überlebenswichtig. Von den schwankenden Wasserständen profitieren hochspezialisierte Amphibien ebenso wie Insekten oder Brutvögel, die an dynamische Feuchtgebiete angepasst sind. Zudem ist das Gebiet ein wichtiger Rückzugsort für viele Arten, die hier Lebensbedingungen vorfinden, die außerhalb des Schutzgebietes lange verlorengegangen sind. Auch Zugvögel nutzen das Gebiet gerne als Rastplatz.

Meilenstein im Kiebitzschutz: Die Rückkehr des Bodenbrüters
Der Kiebitz ist um das Jahr 2006 nach etwa 15 Jahren Abwesenheit wieder als Brutvogel an den Schmiechener See zurückgekehrt. Anfangs war der Bestand mit 1-2 Brutpaaren sehr instabil, Bruterfolge blieben aus. Erst mit Beginn der Wasserbüffelbeweidung im Jahr 2011 schien sich das Blatt zu wenden: in den Folgejahren stieg die Zahl der Brutpaare an und es konnten auch regelmäßig flügge gewordene Jungvögel dokumentiert werden.
Klimawandel und Wassermangel: Bedrohung für die Kiebitzbrut
Dennoch gehen Kiebitze am Schmiechener See von jeher ein hohes Risiko ein: Sie setzen darauf, dass der Wasserstand während der Brutdauer stabil bleibt. Aufgrund des fehlenden Abflusses kann nach einem heftigen Regenfall das Gebiet weiträumig unter Wasser stehen, Nester werden überflutet. Ein einziges derartiges Wetterereignis kann die gesamte Jahresbrut vernichten. Aber auch extreme Trockenheit wirkt sich negativ auf den Bruterfolg aus: zieht sich das Wasser zu schnell zurück, trocknet der Schlamm aus, der Boden wird hart, die Vögel kommen mit ihren Schnäbeln nicht mehr an die Nahrung, bereits geschlüpfte Küken verhungern.
Die Auswirkungen der beschriebenen Wetterphänomene auf den Bruterfolg der Kiebitze sind insgesamt gut belegt. Doch am Schmiechener See kommt ein weiterer Punkt hinzu, der die Problematik noch verschärft: Jahrzehntelang wurde das Abwasser aus der Kläranlage Altheim in den Siegenbach abgeleitet, seit dem Jahr 2021 wird das Abwasser nun nach Ehingen umgeleitet. Aus Naturschutzsicht ist dieser Schritt durchaus zu begrüßen, da damit auch der erhöhte Nährstoffeintrag in den Schmiechener See mit all seinen negativen Auswirkungen ein Ende hatte. Andererseits lieferte die Einleitung des Abwassers eine konstante Wassermenge zwischen 200 und 400 m³ pro Tag, wodurch die von Natur aus schwankenden Wasserpegel etwas stabilisiert werden konnten. Durch das fehlende Wasser verschärft sich die natürliche Dynamik, sowohl der Siegenbach als auch der Schmiechener See fallen früher und länger trocken – mit verheerenden Auswirkungen auf den potenziellen Bruterfolg der Kiebitze.
Nicht zuletzt hat auch der Klimawandel erkennbare Auswirkungen auf den Bruterfolg der Kiebitze, und das nicht nur am Schmiechener See. Allerdings wirken sich Extremwetterlagen und die Häufung zu trockener Frühjahre aufgrund der beschriebenen Eigenheiten vor Ort dort noch stärker aus als anderswo.
Warum Pflegemaßnahmen wie Schwarzbrache und Beweidung durch Wasserbüffel an ihre Grenzen stoßen
Die Problematik ist also komplex. Letztlich steht und fällt der Bruterfolg mit stabilen Wetterverhältnissen während der Brutsaison und dem Vorhandensein von flachen Wasserstellen und feuchten Bodensenken, die gleichzeitig als natürlicher Schutz vor Prädation durch Landraubsäuger fungieren. Zusätzlich benötigen Kiebitze für eine erfolgreiche Brut vegetationslose bis schütter bewachsene Flächen – diese Flächen versucht man am Schmiechener See durch das Anlegen einer Schwarzbrache und der Wasserbüffelbeweidung zu erreichen. Doch bei fehlendem Niederschlag und zu früher Austrocknung des Gebietes erweisen sich diese Maßnahmen als nicht ausreichend.
Seit dem Jahr 2020 konnte am Schmiechener See kein Bruterfolg beim Kiebitz mehr nachgewiesen werden. Ein Blick in den offiziellen Managementplan für das Gebiet zeigt, dass den Verantwortlichen die komplexe Problematik durchaus bewusst ist – und doch werden die im Managementplan aufgeführten Maßnahmen nur zum Teil umgesetzt. Stattdessen sollen sich die Maßnahmen vor Ort nun vermehrt auf die Bekämpfung des Fuchses konzentrieren, gegen den man künftig mit staatlich finanzierten Betonrohrfallen und Ansitzleitern vorgehen will.
Mit der Prädatorenbejagung verfolgt hier einen Ansatz, dessen Sinnhaftigkeit wissenschaftlich hinreichend widerlegt ist. Und man spricht nicht gerne darüber.
Ausblick: Defizite im Managementplan und mangelnde Behördenkommunikation
Im nächsten Beitrag werden wir zeigen, wie schwierig sich die Kommunikation mit den zuständigen Behörden gestaltete, wo die vor Ort umgesetzten Maßnahmen vom Managementplan abweichen und wie die Verantwortlichen dieses abweichende Vorgehen begründen.
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