• Lovis Kauertz

Die Waschbären-Lügen des Jagdverbands

Pressemitteilungen des Deutschen Jagdverbands zu tierischen Neubürgern wie dem Marderhund, der Nilgans oder dem Waschbären zeichnen regelmäßig ein sehr undifferenziertes und vorgefertigtes, teilweise falsches Bild dieser Tierarten. So auch aktuelle Berichte, die versuchen, der Jagd auf den Waschbären durch die Möglichkeit der Verwertung als Lebensmittel einen vernünftigen Grund nach dem Tierschutzgesetz anzudichten.


Die Jagd auf Waschbären ist tierquälerisch und kontraproduktiv. Bild: Michael Hamann

In Hessen wurden erste Waschbären in den 1930er Jahren durch Jäger zur Bereicherung der jagdlichen Fauna am Edersee ausgesetzt. Schon 1981 äußerte sich Dr. Walburga Lutz, eine Pionierin der deutschen Waschbärenforschung, so: „Die Einbürgerung des Waschbären ist erfolgreich verlaufen und nicht mehr rückgängig zu machen, wir sollten deshalb lernen, mit ihm leben zu müssen.“


Der Deutsche Jagdverband lässt durch seinen Pressesprecher verkünden, dass der Waschbär heimische Tierarten bedrohe, vor allen Dingen Vögel. Diese Behauptung entspricht nach Aussagen von Forschern nicht der aktuellen Datenlage. Die führenden europäischen Waschbärenforscher kommen zu folgenden Resultaten: Wissenschaftliche Studien von Berit und Frank Michler aus dem Müritz-Nationalpark, wo Waschbären die höchsten Populationsdichten für naturnahe Habitate in Europa erreichen, konnten keine negativen ökologischen Auswirkungen auf andere heimische Tierarten in diesem Lebensraum bestätigen (MICHLER).


Beim Waschbären handelt es sich um einen ausgesprochen generalistisch lebenden Sammler, der Nahrungsressourcen nutzt, die in hoher Zahl verfügbar sind und bei dem bis heute keine wissenschaftlichen Daten vorliegen, die einen ernsthaften Prädationsdruck auf andere Arten belegen.


Die Aussage des Deutschen Jagdverbandes, dass der Waschbär hierzulande keine Fressfeinde habe, ist ebenso falsch. Falsch zum einen deshalb, weil Fuchs, Wolf, Uhu, Baummarder und Greifvögel dem Waschbären durchaus an den Kragen gehen können, grundlegend falsch aber auch, weil Fressfeinde auch in anderen Regionen nie eine bedeutende Rolle für die Regulierung des Waschbären gespielt haben. Maßgeblich für den Bestand der Waschbären sind Nahrungsangebot, Krankheiten, Wetterkapriolen.


Die vom Deutschen Jagdverband – und keineswegs, wie der Anschein von Verlautbarungen der Jäger erweckt, durch die EU – propagierte Jagd ist tierquälerisch, im Hinblick auf die Eingrenzung der Zahl der Waschbären nicht zielführend, ja sogar kontraproduktiv. Waschbären werden sich mit oder ohne Jagd in Deutschland so lange ausbreiten, bis sie die Lebensraumkapazität weitgehend ausschöpfen. Die Jagd kann das nicht aufhalten, geschweige denn verhindern. Auch deshalb, weil Waschbären - wie übrigens auch Füchse oder Wildschweine - hohe Verluste durch mehr Geburten schnell ausgleichen können.


Wildtierschutz Deutschland beruft sich auf wissenschaftliche Expertise zu anderen generalistisch lebenden Beutegreifern wie den Füchsen und auf eine amerikanische Studie: Die zeigte nämlich auf, dass die Bejagung von Waschbären zu keinerlei Bestandsreduktion führte, sondern lediglich zu einer Verschiebung im Altersklassenaufbau mit einem deutlich höheren Anteil an Jungtieren und trächtigen Fähen gegenüber unbejagten Populationen. (ROBEL).

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MICHLER, B.A. (2020): Koproskopische Untersuchungen zum Nahrungsspektrum des Waschbären Procyon lotor (Linné, 1758) im Müritz-Nationalpark (Mecklenburg-Vorpommern) unter spezieller Berücksichtigung des Artenschutzes und des Endoparasitenbefalls. - Wildtierforschung in Mecklenburg-Vorpommern, Band 5, 168 S.)

ROBEL, R.J. et al.: Racoon Populations: Does Human Disturbance Increase Mortality? In Transactions of the Kansas Academy of Science 93 (1-2), 1990, S. 22-27



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