• Lovis Kauertz

Über die Hälfte der Jagdstrecke wird nicht verwertet

Anlässlich einer Drückjagd des staatlichen hessischen Forstbetriebs zeigt Wildtierschutz Deutschland auf, dass jedes zweite im Rahmen der Jagd getötete Tier entsorgt wird.


30. Dezember. Waldspaziergang in der Wetterau, 40 km nördlich von Frankfurt. In der Nacht gab es ein wenig Schnee. Schüsse, zwei Jagdhunde, die einem Reh hinterherjagen, der tannengrüne Dienstwagen des Landesbetriebs Hessenforst, ein Anhänger. Darin vier tote Wildschweine, zwei Rehe.


Wald vor Wild: Der Hessenforst jagt für die Tonne

Der Fall ist klar: Der Hessenforst jagt für die Tonne. Diese Tiere landen auf keinem Teller. Die Jäger des staatlichen Forstbetriebs fahren sie direkt zur Tierkörperbeseitigung. Anderenfalls hätten Rehe und Schwarzkittel schnellstmöglich nach dem Schuss aufgebrochen werden müssen. Bereits 30 bis 45 Minuten danach beginnt die Diffusion von Gasen und Bakterien durch den Darm in die Körperhöhlen, Organe und die Muskulatur. Wird erst dann aufgebrochen, können bereits giftige Substanzen entstanden sein.


In Deutschland werden Jahr für Jahr etwa sechs bis sieben Millionen Tiere im Rahmen der Jagd getötet. Wildtierschutz Deutschland geht davon aus, dass nur etwa die Hälfte der getöteten Tiere als Lebensmittel verwertet wird. Zur Verarbeitung zu Pelz oder zur sonstigen Verwertung gelangen etwa 0,2 Prozent aller Jagdopfer. Alle anderen Tiere werden verbrannt, verbuddelt, in die Hecke geworfen oder als Luder genutzt, um Füchse oder Wildschweine unter den Hochsitz zu locken.


Es sind nicht nur Rabenkrähen, Füchse oder Schwäne, die nicht verwertet werden, auch ein beträchtlicher Teil der erlegten Wildschweine oder Rehe wird nicht als Nahrungsmittel genutzt. Wir gehen davon aus, dass regelmäßig etwa 100.000 bis 200.000 Rehe und etwa ein Drittel bis die Hälfe der Wildschweinstrecke (im Jagdjahr 2019/2020 waren das über 880.000 Tiere) nach der Jagd entsorgt werden. Die aktuelle Corona-Pandemie verschärft diese Situation nochmal, da die Gastronomie als Abnehmer ausfällt.


Die Jagd macht in vielen Fällen weder ökologisch, noch wirtschaftlich, noch aus Gründen der Seuchenprofilaxe einen Sinn. Das in weiten Teilen immer noch auf dem Reichsjagdgesetz beruhende Bundesjagdgesetz bedarf dringend einer Novellierung, die diesen Namen auch verdient. Zahlreiche Kritiker vermissen bei der aktuell anstehenden Änderung des Jagdgesetzes nicht nur die Orientierung an Erkenntnissen der Forschung der vergangenen Jahrzehnte, sondern auch die Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen, die sich nicht zuletzt im Staatsziel Tierschutz widerspiegeln.

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Überhaupt nicht oder kaum verwertet werden (Streckenstatistik 2018/19):

62.000 Nutria

29.000 Marderhunde

166.000 Waschbären

3.000 Wiesel

8.000 Iltisse

50.000 Marder

80.000 Dachse

422.000 Füchse

400.000 Wildtauben

ca. 1.000.000 Rabenkrähen, Elstern, Eichelhäher

ca. 12.000 Schwäne, Graureiher und andere nicht in den Streckenlisten des DJV gelistete Tierarten

ca. 200 bis 300 Tausend Haustiere.


Das sind bereits 2,5 Millionen Tiere, die nicht nach der Jagd verwertet wurden.

Es ist auch davon auszugehen, dass von den 390.000 erlegten Wasservögeln oder Waldschnepfen maximal 10 bis 20 Prozent im Eigenbedarf der Jäger verwertet werden. Vermarktet werden diese Tiere ja nicht. Das sind noch einmal 310.000 Tiere werden nicht verwertet.


Mindestens 20 Prozent aller wiederkäuenden Paarhuferarten (sog. Schalenwild wie Hirsche, Rehe, Damwild, Gämse und Muffel) werden nicht verwertet, entweder weil sie zerschossen wurden oder einfach nicht zu vermarkten sind. Das sind dann auch nochmal 280.000 Tiere.


Wildschweine aus dem Südwesten Deutschlands sind aufgrund der radioaktiven Belastung nicht verwertbar (geschätzt 40.000), aufgrund des Preisverfalls des Wildschweinfleisches in vielen Regionen, wurden in den letzten zwei Jahren wahrscheinlich mehr Tiere entsorgt als verwertet. (vgl. "Gesunde Sauen werden verbrannt"). Wir gehen davon aus, dass von den in 2018/19 gem. Strecke erlegten 600.000 Wildschweinen maximal die Hälfe verwertet wurden.


Summa summarum kommen wir auf 3,4 Millionen Tiere, die Jäger verbuddelt oder in die Hecke geschmissen haben, die als Luder verwendet oder durch die Tierkörperbeseitigung verbrannt wurden.

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Lesen sie auch: Für die Mülltonne jagen: Die Doppelmoral des Jagdpräsidenten


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