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Das Märchen vom bösen Wolf

7 Jun 2018

Doch, ich kann es mir vorstellen, es ist kein schöner Anblick. Da kommt man morgens auf die Weide und da liegt es: ein totes Schaf! Nicht selten ist es auf der Weide gestorben oder schon tot zur Welt gekommen und hat anderen Tieren, Füchsen und Vögeln, bereits als Nahrung gedient.

 

Was aber kürzlich im Nordschwarzwald geschah, hat landauf, landab für Schlagzeilen gesorgt: mehr als 40 Schafe aus einer 150-köpfigen Herde, tot! Der Schuldige stand schnell fest: es war der böse Wolf. Ganz klar, ein Beutegreifer im Blutrausch. Davon abgesehen, dass der Wolf nicht in Blutrausch verfällt, sondern seine Beute jagt, ergreift und dann möglichst schnell tötet und verzehrt – es sei denn, er wird gestört. Es ist der Beutetrieb, der ihn antreibt, um seinen Hunger zu stillen. Und rennende Schafe lösen bei ihm immer von Neuem den Beutefangreflex aus.

 

Hobbyjager sehen den Wolf als Konkurrenten, der ihnen die Beute vor dem Hochsitz wegschnappt, ohne Revierpacht zu zahlen. Bild: Stefan Suittenpointner

 

 

Für das Eindringen eines Wolfes in diese mit einem Elektrozaun gesicherte Schafweide gibt es eine plausible Erklärung. Der Wolf muss durch den Fluss Enz gekommen sein. Zur Wasserseite war die Weide nämlich offen und nicht gezäunt! Ein regelrechter Präsentierteller. Bitte bedient euch! Von Schutz kann keine Rede sein. Völlig unklar ist, wie viele Schafe aufs Konto des Wolfes gingen und wie viele ertranken, weil sie in Panik ins Wasser sprangen. Ein anderer Fluchtweg blieb ihnen nicht. Schafe meiden Wasser, aber Wölfe können – wie auch die meisten Hunde – gut schwimmen. Schon ein paar Monate vorher soll ein Wolf in dieser Region drei Schafe getötet haben. Das hat der Tierhalter offensichtlich ignoriert. Ein Wolf? Ach, wer denkt schon daran, wird schon nichts passieren …

 

Ähnliches haben wohl auch die Rinderhalter einer LPG bei Lieberose im Land Brandenburg gedacht. Dass sich in der Gegend seit über 20 Jahren nach und nach Wölfe angesiedelt haben, muss sich auch in dieser Agrar-Genossenschaft rumgesprochen haben. Aber in einem 1982 gebauten, ziemlich runtergekommenen Stall mit zum Teil defekten Zäunen und Toren, lässt man nachts die Stalltüren offen, damit es schön „durchzieht“. Kein Mensch hat etwas gesehen oder gar das angsterfüllte Brüllen der Rinder gehört – wohnt ja niemand daneben. Erst der Frühdienst sah bei Arbeitsantritt was geschehen war: Ein 100 Kilogramm schweres Jungtier war aus dem Stall gezerrt und zum größten Teil schon verzehrt worden. Von Wölfen natürlich!

 

Von dem Jungrind haben sie nicht viel übrig gelassen: Hinterbeine, ein Stück Wirbelsäule, Schädel und Rippen. Alles andere ist – inklusive Ohrenmarke – verschwunden. Hungrige Wölfe eben. Die lange Schleifspur, die Größe und das Gewicht des Kalbes lassen auch darauf schließen, dass es sich um eine ganze wölfische Diebesbande gehandelt haben muss.

 

Und wieder entstand große Aufregung, besonders in den Medien: jetzt brechen Wölfe schon in die Ställe ein und töten das Vieh. Welch ein wirtschaftlicher Verlust für die Landwirte!

 

Dazu nur am Rande: Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums verendeten im Jahr 2016 fast 580.000 Rinder und mussten „entsorgt“ werden. Statt geschlachtet zu werden, landete jedes siebte aufgezogene Rind in einer Tierkörperverwertungsanlage – also im Müll für Tierkadaver. Daran ist der Wolf völlig schuldlos …

 

 "Nahezu kriminell ist das Statement des Chefs des Brandenburger Bauernbundes, der öffentlich verkündete, es sei an der Zeit, dass man Nutztiere mit der Waffe in der Hand verteidigt." 

Bild: Michael Hamann

 

Dennoch ist auch der Vorfall mit dem aus dem Stall gezerrten Rind Wasser auf die Mühlen der Wolfshasser und -warner. Viele Bauern, Hobbyjäger und Schafhalter ziehen inzwischen an einem Strang. Ihre Wut auf Isegrim nimmt schon hysterische Formen an. Und ihr Geschrei nach einer bundeseinheitlichen Übernahme der unter Schutz stehenden Wölfe ins Jagdrecht – am besten gleich mit ganzjähriger Jagdzeit – wird immer lauter. Aber Forderungen nach einer Bejagung des Wolfes sind nicht nur EU-rechtswidrig, sie lösen kein einziges Problem.

 

Nahezu kriminell ist das Statement des Chefs des Brandenburger Bauernbundes, der öffentlich verkündete, es sei an der Zeit, dass man Nutztiere mit der Waffe in der Hand verteidigt. Hier geht es nicht um die behauptete „Tierliebe“, sondern um den finanziellen Verlust, sollte ein Wolf zugreifen. „Landwirte fürchten um ihre Existenz“ … nur, die meisten betreiben die Schafhaltung im Nebenerwerb. Und die Tiere sind Nutz(!)-Tiere und sollen Geld einbringen. Sie werden nach kurzer Zeit verkauft und geschlachtet – oder umgekehrt.

 

Dabei weiß jeder, der es wissen will: Die Nahrung des Wolfes – und da sind sich die Wissenschaftler ausnahmsweise einig, besteht nur zwischen ein und zwei Prozent aus Nutztieren. Da kann sich unsere Gesellschaft doch wirklich einen besserer Schutz der Weidetiere und eine angemessene finanzielle Unterstützung der Tierhalter leisten. Man muss es nur wollen! Wahrscheinlich würden dann sogar die Nutztier-Risse zurückgehen. Auch das Argument, in bergiger Landschaft oder auf Deichen sei der geforderte Zaunschutz gar nicht möglich und würde dem Tourismus zuwiderlaufen, ist schwach. Wanderschäfer mit begleitenden Hütehunden haben gerade in „Wolfsländern“ lange Tradition. Ich habe das in Italien, Griechenland und in der Türkei immer wieder beobachtet und öfter mit den Schäfern gesprochen. Warum nicht auch bei uns diesen Job – besonders bei jungen Menschen – wieder attraktiv machen? Ich möchte wetten, dass es dafür Interessenten gibt, wo man sie gar nicht vermutet!

 

Etwa 98 Prozent der Wolfsbeute besteht eindeutig aus den Paarhufern wie Reh, Hirsch, Wildschwein. Davon sind Rehe der Wölfe liebste und leichteste Beute. Den Förstern ist das recht. Ihr Motto ist „Wald vor (Schalen)Wild“. Der Wolf hilft ihnen dabei, dieses Ziel zu erreichen.

 

Die Nahrung des Wolfes – und da sind sich die Wissenschaftler ausnahmsweise einig, besteht nur zwischen ein und zwei Prozent aus Nutztieren. Bild: Michael Hamann

 

Die Hobbyjäger ärgert das allerdings gewaltig. Sehen sie doch den Wolf als Konkurrenten, der ihnen die Beute vor dem Hochsitz wegschnappt, ohne Revierpacht zu zahlen. Und – das kommt noch hinzu, der allein durch seine Anwesenheit die Paarhufer scheu und heimlich macht. Es gibt bereits Reviere, die sich schwer verpachten lassen, weil dort gelegentlich Wölfe jagen – aus Hunger und nicht zum Spaß wie die Hobbyjäger. Diese reagieren inzwischen mit abstrusen Forderungen, Behauptungen, Warnungen. Dass der Wolf ins Jagdrecht gehört, um ihn notfalls leichter abschießen zu können, ist noch die moderateste. Regelmäßige Wolfstreibjagden forderte der Verein „Sicherheit und Artenschutz“ kürzlich bei einer öffentlichen Bundestagsanhörung zum Thema Wolf. Kaum glaublich, aber ich habe das mit eigenen Ohren gehört. Und immer noch verbreiten Jäger die Mär von den „Kofferraum-Wölfen“, die angeblich von Wolfsfreunden aus dem Osten angekarrt und dann bei uns freigelassen wurden. Dass nach der Wende Wölfe auf eigenen vier Pfoten über über die Grenze kamen, weil nicht mehr sofort geschossen wurde, geht Jägern scheinbar über die Hutschnur.

 

Wenn dieses Thema nicht mehr zieht, kommen die Hybriden dran. Die Jäger-Behauptung von den massenhaften Wolf-Hund-Mischlingen, die „entnommen“, sprich: getötet werden müssen, stammt schon aus der Zeit von 1994, als die letzten sowjetischen Soldaten aus Berlin und Brandenburg abzogen. Angeblich – so die ortsansässige Jägerschaft, haben die Russen ihre Hunde und Wolfsmischlinge nicht mitgenommen, sondern zum Teufel gejagt. Und da nach der Wende auch Wölfe in Brandenburg einwanderten, haben die sich – so das Jäger-Märchen – massenhaft mit Russen-Hunden gepaart. Ich habe damals zu diesem Thema recherchiert und bei den verschiedensten Stellen und politisch Verantwortlichen angefragt. Niemand konnte das bestätigen, die meisten hörten das zum ersten Mal. Trotzdem hält es sich in bestimmten Kreisen bis heute. Aber außer den bekannten Fällen (Thüringen 2017, Lausitz 2003) wo sich eine Wölfin – mangels Partner – mit einem Hund gepaart hatte, fehlt für diese Hybrid-These jeglicher Beweis.

Und das nur nebenbei: auch Hybriden stehen unter Schutz und dürfen nicht einfach abgeknallt werden. Doch wer sich nicht an Recht und Gesetz hält und auch Wölfe illegal tötet, dem ist das auch egal.

 

Fehlt noch die Angstmache vor der menschenfressenden Bestie Wolf. In vielen Waldgebieten kann man inzwischen an Bäume angenagelte Warnschilder mit ähnlichen Texten sehen: „ Vorsicht! Wolfsrudel gesichtet, betreten auf eigene Gefahr!“ oder „Wölfe jagen inzwischen auch hier.“ oder „Achtung! Wolfsregion“. Meistens werden Spaziergänger aufgefordert, Hunde an kurzer Leine zu halten und Kinder zu beaufsichtigen. Obwohl derlei Schilder offiziell wirken, sind sie eine unerlaubte Privat-Initiative der Jäger, die sie nur anonym mit „die Jagdberechtigten“ unterzeichnen.

 

Einigen Jagdausübungsberechtigten scheint es völlig egal zu sein, dass der Wolf unter Schutz steht und nicht „jagdbar“ ist. Sie pfeifen auf das Gesetz und tun, was sie für richtig halten. Sie hassen Wölfe. Sie erschießen Wölfe, wenn sie sie antreffen. Diese Jäger, die eigentlich Wilderer sind, haben offenbar auch keine Angst vor möglicher Entdeckung oder Strafen. Das Töten einer streng geschützten Tierart kann bis zu fünf Jahre Gefängnis betragen. Im Dunkel der Reviere fühlen sie sich sehr sicher – auch vor Denunzianten. Das zeigen vor allem jene Totfunde von Wölfen, die auffällig so platziert waren, dass sie gefunden werden mussten. Als Ausrufezeichen! Wie viele Wölfe noch den drei „S“ (schießen, schaufeln, schweigen), zum Opfer fielen, weiß niemand. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Zusätzlich wurde bei einigen Tieren, die als Verkehrsopfer starben, festgestellt, dass sie zu Lebzeiten beschossen worden waren, was aber nicht zu ihrem Tod geführt hatte.

 

Das Töten eines geschützten Tieres ist kein Bagatelldelikt. Höchste Zeit, dass beim Wolf ähnlich akribisch Spuren und Beweismatarial gesichert werden wie beim Menschen. Zumal die Täter bewaffnet sind (vor Jahren musste ein erwischter Schießer aus dem Raum Köln läppische 3.500 Euro zahlen). Weitere Ermittlungsverfahren liefen oder laufen nur gegen Unbekannt. Die ausgelobten hohen Belohnungen einiger Tier- und Artenschutz-Organisationen haben nichts gebracht. Mitwisser schweigen, sind auf Geld nicht angewiesen …

 

 Für viele Menschen ein Glücksmoment, einem Wolf zu begegnen. Bild: Ray Hennesy

 

Zum Schluss noch Erfreuliches:

Nach einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die das Meinungsforschungsinstitut forsa kürzlich im Auftrag des NABU durchgeführt hat, freuen sich 79 Prozent der Bundesbürger,

dass eingewanderte Wölfe wieder bei uns leben und die Natur bereichern. Jetzt kommt es darauf an, dass man sie auch leben lässt. Die Devise muss lauten: Wölfe schützen – nicht schießen!

+++

 

Der Artikel wurde zunächst auf dem Blog von animal public veröffentlicht.

 

Mehr zum Thema Wölfe finden Sie hier

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