• Lovis Kauertz

Tod im Sachsenforst

In Sachsen wie auch in anderen Bundesländern werden die Lebensräume und Wanderungsbewegungen des Rothirschs, des „Königs der Wälder“, durch unsere zivilisatorischen Errungenschaften massiv beschnitten.


Der Rothirsch, das größte unserer heimischen Wildtiere, würde in den Übergangszeiten zum und vom Winter eigentlich gerne seinen Sommerlebensraum - die Wälder - verlassen, um in den baumarmen Flussauen Nahrung zu finden. Doch das wird ihm verwehrt. Die Zerschneidung unserer Landschaften, z.B. durch Bahn- und Autobahntrassen macht es fast unmöglich in die Winterlebensräume zu gelangen, die ihm das ausgewogene Futter in den nahrungsarmen Monaten bieten. Er ist gezwungen, in den Wäldern des Erzgebirges, des Vogtlandes oder der Oberlausitz zu überwintern – doch dort gibt es dann kaum artgerechte Nahrung.


Rothirsch im Sachsenforst
Gefangen in seinem Sommerlebensraum wird der Rothirsch genötigt die Bäume zu schälen. Bild: Mirko Fuchs

Wenn gegen Ende des Jahres die Tage kürzer werden, beginnen Hirsche und auch Rehe damit, sich körperlich auf die nahrungsarme Zeit umzustellen. Die Verdauungsorgane verkleinern sich, die Herzfrequenz sinkt. Mit dieser Strategie konnte das pflanzenfressende Wild in der Vergangenheit immer überleben. Im Sommer wurden Fettreserven für den Winter angesammelt, die spezielle Art der Winterruhe im Energiesparmodus machte eine nur spärliche Ernährung und damit das Überleben während der kalten Jahreszeit erst möglich.


In den Wäldern des Sachsenforstes sehen die Bedingungen aber ganz anders aus: Der Zugang zu Winterlebensräumen ist versperrt. Die wenigen Energiereserven verbrauchen die Tiere auf der Suche nach kaum vorhandener Nahrung, auf der Flucht vor etlichen Jagdevents und vor den Störungen durch Forstwirtschaft und Tourismus. Die Gesellschaftsjagden der SBS mit dutzenden, manchmal mehr als einhundert Jägern und Treibern mit ihren Hunden enden erst im Januar. Störungen durch Holzerntemaschinen und -transporte bis in die Nachtstunden hören auch dann nicht auf.


Der Sachsenforst weist nur unzureichend unbejagte Äsungsflächen und auch keine Wildruhezonen aus. Der staatliche Forstbetrieb kommt wohl nicht einmal seiner gesetzlichen Verpflichtung nach, den Wildtieren in ihrer Notlage eine artgerechte und ausreichende Fütterung zu bieten. Die sogenannte Notzeit wird von den SBS-Förstern erst gar nicht oder zu spät ausgerufen. Wildtiere, insbesondere Hirsche, haben so kaum eine Chance, artgerecht zu leben. So ist es kein Wunder, dass sie in ihrer Not vermehrt auf Baumrinden oder die Knospen junger Bäume zurückgreifen müssen. Das ist eigentlich das, was der Förster in seinem Wald vermeiden möchte.


Die Philosophie des sächsischen Umweltministeriums und des von ihm geführten Staatsbetriebs Sachsenforst ist wildtierfeindlich und nicht einmal zielführend. Es gibt keine stichhaltigen Belege dafür, dass der seit Jahren kontinuierlich steigende Abschussplan von Rot- und für Rehwild signifikante Verbesserungen hinsichtlich der Verbiss-Situation hervorbringt.


Der Sachsenforst lädt zwischen Oktober und Januar allein in einem einzigen Forstbezirk wie Neudorf im Erzgebirge über 30-mal (!) zur Gesellschaftsjagd ein. Viele Reviere werden innerhalb dieser kurzen Zeit bis zu dreimal bejagt. Seeben Arjes, Deutschlands wohl bekanntester Nachsuchenführer, nennt diese Veranstaltungen KfC-Jagden: Kill for Cash.


Zu den KfC-Events kommen regelmäßig über einhundert Jäger aus allen Teilen der Republik und aus den benachbarten Niederlanden oder Dänemark angereist. Mangels eigener Jagdmöglichkeiten nutzen diese Jäger hier jede Chance gegen eine geringe Gebühr möglichst kapitale Trophäen mit nach Hause zu nehmen. Forstamtsleiter des SBS werden zitiert im Wildtierbestand die „schwarze Null“ erreichen zu wollen, die Zahl der Tiere also so gering wie irgend möglich zu halten.


Bei dieser Art der Jagd wird – selbst wenn bestimmte Tiere aufgrund ihres Alters oder weil sie Jungtiere führen nicht freigegeben sind – auf alles geschossen, was vor die Büchse kommt. Dadurch werden überlebenswichtige Strukturen im Familien- und Rudelverband des Rotwildes zerstört. Immer wieder kommt es auch zu nicht sofort tödlichen Fehlschüssen in den Bauch, den Rücken, in die Beine oder sogar in den Kiefer. Manchmal finden die Nachsuchetrupps ein leidendes Tier nach vielen Stunden oder am nächsten Tag, nicht selten verendet das Wild aber unbemerkt qualvoll im Dickicht.



Unsere Forderungen an den Staatlichen Betrieb Sachsenforst (SBS) und das Umweltministerium


Wir fordern das Umweltministerium und den Sachsenforst auf, ihr Wildtiermanagement unter dem Motto "Wald vor Wild" zu überdenken. Den Rotwildbestand mehr oder weniger zusammenzuschießen, wie es die Devise von Forstamtsleitern der SBS zu sein scheint, ist keine Lösung.


Dazu gehört unseres Erachtens die Ausweisung von mindestens 20 Prozent der Revierfläche in Rotwildgebieten als jagdfreie Äsungsflächen und die Schaffung von Wildruhezonen in allen sächsischen Staatsforsten, die Reduzierung der Abschusspläne und eine Begrenzung der Jagdzeiten auf Oktober und November eines Jahres.


Durch gezielte wildtierökologische Maßnahmen könnten Wildtiere in forstwirtschaftlich weniger kritische Bereiche gelenkt werden. Um insbesondere im Winter den Verbiss von Baumrinden durch Hirsche zu vermeiden, muss in den Wäldern, die im Winter keine ausreichende Nahrung für das Rotwild (Hirsche) bietet, ab Mitte November eines Jahres eine artgerechte Winterfütterung angeboten werden.

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Offener Brief an den Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft in Sachsen:

2020 12 09 SBS Günther
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Flyer: Tod im Sachsenforst

201206_Flyer_Wildtierschutz_D_Sachsenfor
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Pressemitteilung

Tod im Sachsenforst - Kritik SBS
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