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Deutschlands größte Mehlschwalbenkolonie – neuer Funken Hoffnung auf Rettung

  • Autorenbild: Lovis Kauertz
    Lovis Kauertz
  • vor 59 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Biblis | Neue Recherchen belegen, dass die vom Kreis Bergstraße und von RWE installierten Schwalbentürme außerhalb des AKW-Geländes in Biblis ungeeignet sind: Auf den feuchten Rheinwiesen bildet sich Schimmel an den Nestern. Der Süddeutschen Zeitung ist zu entnehmen, dass die mit dem Abbruch von Gebäuden begründete Weigerung des RWE-Konzerns, Mehlschwalbennester an den Gebäuden auf dem AKW-Gelände anzubringen, vorgeschoben ist.


Über drei Jahrzehnte gab es am Atomkraftwerk Biblis Mehlschwalben. So hoch wie an keinem anderen Gebäude in Deutschland fanden bis zu 800 Mehlschwalben Nistmöglichkeiten an den 80 Meter hohen Kühltürmen der am Rhein gelegenen Anlage. Die Schwalbenkolonie war die größte ihrer Art in ganz Deutschland.



Die Nester der einst 400 Brutpaare der in der Roten Liste der Brutvögel als gefährdet geführten Zugvogelart wurden mit dem Abbruch des letzten Kühlturms Mitte Januar des Jahres endgültig zerstört. Der gemeinsam mit MUNA e.V., BUND Kreis Bergstraße und weiteren Naturschutzorganisationen durch Wildtierschutz Deutschland erwirkten aufschiebenden Wirkung ist der Energiekonzern RWE, dem das ehemalige Atomkraftwerk gehört, zuvorgekommen. Innerhalb weniger Tage hat RWE den Turm derart destabilisiert, dass er am 16. Januar abgebrochen werden musste. RWE hat Fakten geschaffen, um seiner Verantwortung für die einzigartige Mehlschwalbenkolonie zu entgehen.


Bereits vor dem Abbruch wies Wildtierschutz Deutschland darauf hin, dass die Ausgleichmaßnahmen in Form von acht Schwalbentürmen mit insgesamt 424 Nestern weder zum Zeitpunkt der Ausstellung der Abbruchgenehmigung funktional waren noch jemals eine wirksame Brutstätte für Mehlschwalben sein konnte. Trotz mehrerer Forderungen an die zuständigen Behörden des Baudezernenten des Kreises Bergstraße, tatsächlich wirksame Maßnahmen gegenüber RWE zu veranlassen, ließen die sich bisher nicht darauf ein. Die Behörde akzeptierte, dass RWE seine Gründe dafür habe, keine Ausgleichsmaßnahmen auf dem Betriebsgelände zuzulassen.


Auch im Rahmen eines im Kern konstruktiven Gesprächs mit allen Beteiligten in der Kreisverwaltung konnte keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Es wäre für RWE ein Leichtes gewesen, an zwei, gegenüber den bisherigen Kühltürmen stehenden Gebäuden jeweils 200 Kunstnester anzubringen.


Die Behörden berufen sich darauf, dass es keine rechtliche Handhabe gäbe, weitere Maßnahmen gegenüber RWE anzuordnen. Das ist – wie ein weiteres Gespräch mit unserem Rechtsanwalt für Umwelt- und Verwaltungsrecht ergab – nicht korrekt. Denn die von uns im Rahmen eines Widerspruchs angefochtene Abrissgenehmigung, in der die von RWE zu erbringenden Ausgleichsmaßnahmen definiert sind, ist keineswegs bestandkräftig. Der Baudezernent hat also durchaus die Möglichkeit, RWE, wie in der Abbruchgenehmigung festgehalten, zu verpflichten, weitere Maßnahmen mit der Unteren Naturschutzbehörde abzustimmen.


Das ist jetzt erforderlicher denn je, weil unsere Beobachter vor Ort bei einer Inspektion der Schwalbentürme nun auch Schimmel an sämtlichen Schwalbentürmen entdeckt haben. Das Labor der Stiftung Tierärztlichen Hochschule Hannover hat die eingesandten Schimmelpilzproben in seinem Befund als Cladosporium spezies definiert. Eine unverzüglich eingeholte Stellungnahme einer vogelkundigen Tierarztpraxis bescheinigte mittlerweile, dass diese Schimmelsporen Gesundheit und Leben der Mehlschwalben gefährden können.


Auch das bisherige Argument von RWE, die für die Anbringung von Nestern geeigneten Gebäude würden in naher Zukunft abgerissen, erwies sich als vorgeschoben. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 26. Februar 2026 zufolge – just dem Tag, an dem wir gemeinsam mit der Behörde und RWE über Lösungsmöglichkeiten des Konflikts diskutierten – bleiben die von uns für die Anbringung von Mehlschwalbenbrettern auserkorenen 40 Meter hohen Maschinenhallen bestehen.


Die Argumente der Behörde, nicht weitere wirksame Maßnahmen einzufordern, fallen somit wie ein Kartenhaus zusammen. Genau das haben wir durch unseren Rechtsanwalt nochmal an die Bau- und die Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße adressiert, gemeinsam mit der wiederholten Forderung, Nester an Gebäuden auf dem AKW-Gelände unverzüglich anzubringen. Es ist unverfroren, dass der Landkreis Bergstraße in Zeiten des Artensterbens aus Ignoranz oder aus einer Unterwürfigkeit gegenüber dem Energiekonzern die bedeutsamste Mehlschwalbenkolonie Deutschlands RWE erlöschen lässt.


Neben der weiteren Aufforderung an die Behörde haben wir uns mit einer Fachaufsichtsbeschwerde an die Obere Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium Darmstadt gewandt.


Weil die Zeit rennt und die Mehlschwalben nach ihrem viele Tausend Kilometer langen Flug in diesen Tagen geschwächt in Biblis erwartet werden, setzen wir weiterhin alle Hebel in Bewegung, um die bundesweit größte Mehlschwalbenkolonie zu retten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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